1895
Ein idealer Gatte
Überblick↑
Das Stück Ein idealer Gatte ist eine Komödie von Oscar Wilde, uraufgeführt am 3. Januar 1895 im Londoner Haymarket Theatre. Der Originaltitel lautet An Ideal Husband. Im Mittelpunkt stehen eine politische Erpressung und die Frage, wie viel Nachsicht die Liebe verträgt. Schauplatz ist die vornehme Londoner Gesellschaft des 19. Jahrhunderts. Der gedruckte Text erschien 1899.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Londoner Stadthaus der Chilterns findet eine große Abendgesellschaft statt, zu der viele Gäste aus der Politik geladen sind. Unter ihnen erscheint überraschend Mrs. Cheveley, die in Wien lebt und die Hausherrin noch aus der Schulzeit kennt. Lady Chiltern mag sie offenkundig nicht.
Mrs. Cheveley sucht die Bekanntschaft des Hausherrn Sir Robert Chiltern. Sie weiß von einer dunklen Stelle in seiner Vergangenheit: Sein Vermögen verdankt er dem Verkauf eines Staatsgeheimnisses, und sie besitzt einen Brief, der ihn verraten würde. Mit dieser Drohung will sie ihn zwingen, im Parlament ein Kanalprojekt zu befürworten, in das sie viel Geld gesteckt hat. Dass es sich dabei um einen Aktienschwindel handelt, stört sie nicht.
Zugleich ist Lord Goring auf der Party, ein ewiger Junggeselle und Dandy. Auch ihn verbindet eine gemeinsame Vergangenheit mit Mrs. Cheveley. Er flirtet mit der jungen Mabel Chiltern, die in ihn verliebt ist. Die beiden finden eine verlorene Diamant-Brosche, deren Besitzer zunächst unbekannt bleibt.
Lady Chiltern hält ihren Mann für makellos und macht ihre Liebe ausdrücklich davon abhängig. Sie ahnt nichts von seinem Fehltritt. Zwischen Erpressung, einem Brief auf rosarotem Papier und einem folgenschweren Missverständnis in Lord Gorings Haus entfaltet sich binnen vierundzwanzig Stunden ein Spiel um Ruf, Schuld und Vergebung.
Die Handlung im Detail↑
Das Geschehen spielt in London um die Jahrhundertwende und umfasst nur einen einzigen Tag. Es ist in vier Akte gegliedert.
Im ersten Akt bringt Lady Markby die aus Wien angereiste Mrs. Cheveley zur Abendgesellschaft der Chilterns mit. Mrs. Cheveley konfrontiert Sir Robert Chiltern mit seiner Vergangenheit. Er hatte viel Geld für wichtige Informationen aus der Regierung erhalten und sich damit seine Macht erkauft. Nun besitzt sie den belastenden Brief und verlangt, dass er das Kanalprojekt im Parlament unterstützt. Chiltern willigt ein. Noch auf der Party provoziert Mrs. Cheveley die Hausherrin mit dieser Neuigkeit, die Lady Chiltern zunächst nicht glauben kann. Unterdessen finden Lord Goring und Mabel Chiltern eine wertvolle Diamant-Brosche, die sich zu einem Armband umarbeiten lässt; Goring bittet Mabel, den Fund vorerst für sich zu behalten. Später redet Lady Chiltern ihrem Mann die Zustimmung wieder aus. Sie gibt ihm zu verstehen, dass ihre Liebe an seiner vollkommenen Unbescholtenheit hängt, und bringt ihn dazu, Mrs. Cheveley brieflich abzusagen. Sein öffentlicher Ruin scheint damit unabwendbar.
Im zweiten Akt sucht Lord Goring seinen besten Freund im Arbeitszimmer auf und erfährt, womit Mrs. Cheveley den Politiker in der Hand hat. Er rät Chiltern, seiner Frau alles zu gestehen, und verspricht ihm jede Hilfe. Auch Lady Chiltern lässt sich von Goring beraten; er empfiehlt ihr, ihre strengen Ansichten zu überdenken, und bereitet sie behutsam auf das Geständnis vor. Dann erscheinen Lady Markby und Mrs. Cheveley auf der Suche nach der Brosche. Kaum hat die heitere Lady Markby die Runde verlassen, enthüllt Mrs. Cheveley der Hausherrin die ganze Geschichte. Lady Chiltern stellt ihren Mann zur Rede. Ihr Weltbild bricht zusammen, und sie wendet sich von ihm ab, obwohl sie ihn weiterhin liebt.
Der dritte Akt spielt bei Lord Goring. Er erhält einen auf rosarotem Papier geschriebenen Brief von Lady Chiltern: Sie vertraue ihm und werde zu ihm kommen. Goring weist seinen Diener an, eine Dame einzulassen und sonst niemanden. Da erscheint sein Vater Lord Caversham, der ihn zum Heiraten drängt. Während Vater und Sohn im Rauchsalon sind, kommt Mrs. Cheveley herein, die der Diener für die erwartete Dame hält. Sie wird in den Salon geführt, liest dort Lady Chilterns Brief, hält ihn für einen Liebesbrief und steckt ihn ein. Danach empfängt Goring seinen Freund Robert Chiltern, ohne zu wissen, wer nebenan sitzt; er glaubt, dort warte Lady Chiltern, und will ihr durch die Tür eine Lektion erteilen. Nachdem Chiltern seine ganze Leidensgeschichte erzählt hat, bemerkt er den Lauscher. Als sich Mrs. Cheveley zeigt, fühlt er sich von seinem Freund hintergangen und geht zornentbrannt. Mrs. Cheveley will nun auch Goring erpressen: Sie gibt den Brief heraus, wenn er sie heiratet. Die beiden waren vor Jahren verlobt, die Verlobung zerbrach an ihrer Untreue, und sie behauptet, ihn noch immer zu lieben. Goring wirft ihr vor, das Wort „Liebe“ zu entehren. Dass sie die Ehe der Chilterns zerstören wollte, wiegt für ihn schwerer als der Aktienschwindel. Dann stellt sich heraus, dass die gefundene Brosche ihr gehört. Goring hatte sie einst seiner Cousine geschenkt und entlarvt Mrs. Cheveley als Diebin. Mit diesem Druckmittel erzwingt er den Brief und vernichtet ihn sofort. Geschlagen gibt sie sich nicht: Sie droht, Lady Chilterns rosaroten Brief an deren Mann zu schicken und so die Ehe zu ruinieren.
Im vierten Akt erfährt man im Hause der Chilterns, dass Sir Robert das betrügerische Kanalprojekt in einer gefeierten Rede abgelehnt hat. Auf die Erpressung ist er also nicht eingegangen. Lord Goring macht Mabel Chiltern einen Heiratsantrag, den sie glücklich annimmt. Eigentlich war er gekommen, um Lady Chiltern vor dem drohenden Missverständnis zu warnen. Sie ist bereit, ihrem Mann zu verzeihen, weigert sich aber, ihm von ihrer Bitte um Gorings Hilfe zu erzählen, weil sie das für unmoralisch hält. Doch Robert hat den Brief bereits erhalten und bezieht ihn auf sich: Er hält ihn für das Zeichen der Vergebung seiner Frau. Das gute Ende scheint erreicht. Dann jedoch verweigert Sir Robert dem Freund die Hand seiner Schwester Mabel, weil er eine Affäre zwischen Goring und Mrs. Cheveley vermutet. Nun muss Lady Chiltern die Wahrheit über den Brief sagen und gestehen, dass Goring am Abend zuvor sie erwartet hatte. Sie sieht ein, dass es ihre Pflicht ist zu vergeben. Am Ende sind alle glücklich: Robert Chiltern wird sogar befördert, und Lord Goring und Mabel finden zueinander.
Stil↑
Angelegt ist das Werk als Komödie in vier Akten, deren Handlung sich auf vierundzwanzig Stunden zusammendrängt. Die Schauplätze bleiben eng begrenzt: Salon, Arbeitszimmer und Junggesellenwohnung. Dieser knappe Rahmen verschärft den Druck, unter dem die Figuren stehen.
Die Spannung entsteht aus Gegenständen und Papieren, die in die falschen Hände geraten: ein belastender Brief, eine verlorene Brosche, ein rosarotes Schreiben, das jemand als Liebesbrief missdeutet. Daraus baut Wilde ein Netz von Verwechslungen, in dem jede Figur etwas anderes zu wissen glaubt als die übrigen.
Als Gegengewicht zu den moralisch strengen Eheleuten steht Lord Goring, der Dandy und ewige Junggeselle. Er kommentiert das Geschehen von außen, flirtet und hilft zugleich. Dem ernsten Erpressungsstoff setzt das Stück damit einen leichten, spöttischen Ton entgegen.
Rezeption↑
Die Komödie gehört zu den oft gespielten Stücken Oscar Wildes und hat über das Theater hinaus gewirkt. Für das Kino wurde der Stoff mehrfach bearbeitet, unter anderem in einer Verfilmung von Wiktor Michailowitsch Georgijew und in einer Fassung von William P. Cartlidge. Unter dem deutschen Titel Ein perfekter Ehemann kam 1999 eine Verfilmung von Oliver Parker heraus. Auch auf der Bühne wurde das Stück immer wieder neu in Szene gesetzt, etwa in Inszenierungen von Erhard Siedel und Raoul Alster.
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