365 – 427
Tao Yuanming
Kurzbiografie↑
Zu den bekanntesten Dichtern des alten China zählt Tao Yuanming, der auch unter dem Namen Tao Qian überliefert ist. Er lebte während der Östlichen Jin-Dynastie und erlebte noch den Beginn der folgenden Liu-Song-Dynastie. Sich selbst nannte er „Meister von den fünf Weiden“. Sein Werk ist schmal geblieben: etwa 120 bis 130 Gedichte sowie einige Prosatexte, darunter eine kurze Selbstbiographie und Opferreden. Sein großes Thema war der Rückzug aus der Welt der Ämter auf das eigene Land. Die Erzählung Aufzeichnung vom Pfirsichblütenquell und der Gedichtzyklus Beim Wein gehören zu seinen bekanntesten Texten.
Biografie↑
Geboren wurde Tao Yuanming wohl im Jahr 365 in Chaisang, das heute zur Stadt Jiujiang in der Provinz Jiangxi gehört. Nach anderer Auffassung kam er schon 352 zur Welt. Seine Familie hatte mehrere Beamte hervorgebracht, war aber verarmt und ohne politischen Einfluss. Sein Urgroßvater war Tao Kan, ein bedeutender General und Gouverneur der Jin-Dynastie.
Über seine Jugend ist wenig bekannt. Im Jahr 393 übernahm er einen untergeordneten Posten in der Präfektur Jiangzhou. Lange hielt er es dort nicht aus. Die Überheblichkeit seines Vorgesetzten, des Provinzgouverneurs, verleidete ihm den Dienst, und schon nach wenigen Monaten kehrte er nach Hause zurück.
Ganz endgültig war dieser erste Rückzug nicht. Um 400 trat Tao in die Dienste des Kriegsherrn Huan Xuan, der später die Macht im Reich an sich riss. Nach dem Tod seiner Mutter gab er diese Stelle auf. Später arbeitete er unter anderem für Huans Gegenspieler Liu Yu, der sich am Ende durchsetzte. Zuletzt war er nur rund achtzig Tage lang Vorsteher des Kreises Pengze. Dann hatte er genug: Falschheit und Korruption widerten ihn an, und 405, nach anderer Angabe 406, kehrte er endgültig auf sein Landgut zurück.
Dort verbrachte er den Rest seines Lebens. Er bestellte seine Felder, las und schrieb und pflegte Umgang mit Freunden und Nachbarn. Einer Legende nach verkehrte er auch mit dem buddhistischen Mönch Huiyuan und dem Taoisten Lu Xiujing.
Eine besondere Vorliebe hatte Tao Yuanming für berauschende Getränke. Als Kreisvorsteher von Pengze wollte er der Überlieferung nach die Felder des Amtes ganz mit Reis zum Weinbrauen bepflanzen lassen. Erst Frau und Kinder brachten ihn dazu, ein Sechstel der Fläche dem Speisereis zu überlassen.
Gestorben ist Tao Yuanming im Jahr 427. Überliefert ist er unter zahlreichen Namensformen, darunter Tao Qian, Tao Yuanliang und Tao Jingjie.
Literarische Merkmale↑
Sein Werk ist überschaubar: etwa 120 bis 130 Gedichte, dazu einige Prosatexte und Opferreden. Das zentrale Thema aber kehrt darin immer wieder, nämlich der Rückzug von der Welt. Vor allem die Heimkehr auf sein Landgut hat Tao Yuanming immer neu besungen. „Der wandernde Vogel sehnt heim sich zum Walde, dem Fisch im Teich bleibt unvergesslich sein See“, heißt es in Zurück zum Landleben. Das Bild ist einfach und sofort verständlich: Jedes Geschöpf zieht es dorthin zurück, wo es hingehört.
Berühmt geworden ist eine Szene aus dem fünften Gedicht des Zyklus Beim Wein: Der Dichter pflückt am Ostzaun Chrysanthemen und blickt gelassen auf die Südberge. Die Chrysanthemen am Ostzaun rufen in China seither Tao Yuanming und sein Leben in Erinnerung. Kunst und Literatur haben diese Szene später vielfach aufgegriffen.
Wie ein Märchen erzählt sich die Aufzeichnung vom Pfirsichblütenquell, ursprünglich als Vorwort zu einem Gedicht verfasst. Ein Fischer aus Wuling rudert ein Flüsschen hinauf und gerät in einen Pfirsich-Hain. Er folgt dem Wasserlauf bis zur Quelle und entdeckt am Ende des Hains eine Felsspalte. Durch sie gelangt er in ein fruchtbares Land, wo ihn frohe und hilfsbereite Menschen mit offenen Armen empfangen und reichlich bewirten. Ihre Vorfahren, so erzählen sie, hätten sich schon in den schrecklichen Zeiten des Hauses Qin hierher zurückgezogen. Seither lebten sie abgeschieden, aber in Glück und Frieden. Sie bitten den Fischer, nach seiner Rückkehr niemandem von ihnen zu erzählen. Er verrät das Geheimnis dennoch. Doch weder die Truppen des Provinzgouverneurs noch der ehrenwerte Gelehrte Liu Ziqi finden den Zugang zu dieser Landschaft je wieder.
Ein weiterer Grundton seiner Dichtung ist der Wein. Der zwanzigteilige Gedichtzyklus Beim Wein handelt vom Wein, aber ebenso von der Frage, ob man ein Amt annehmen oder sich zurückziehen soll.
Rezeption↑
Bekannt geblieben ist Tao Yuanming vor allem durch seine Bilder vom Rückzug aufs Land. Die Szene mit den Chrysanthemen am Ostzaun aus dem Zyklus Beim Wein wurde in China später vielfach von Kunst und Literatur aufgegriffen. Auch das Poem von der Heimkehr, in dem er seine Rückkehr aufs Land besingt, wurde oft als Bildrolle gemalt. Sein Beiname „Meister von den fünf Weiden“ ist bis heute geläufig. Sein Name erscheint in zahlreichen Umschriften, unter anderem als T'ao Ch'ien, T'ao Yüan-ming und Tao Qian.
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