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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Porträt Luise von Göchhausen
Luise von Göchhausen
1752 – 1807
– Autorenporträt –

Luise von Göchhausen

1752 – 1807 · 55 Jahre

Erste Hofdame der Herzogin Anna Amalia und der Mittelpunkt der Weimarer Geselligkeit – ihrer Abschrift verdankt die Nachwelt die frühen Faust-Szenen, heute als „Urfaust“ bekannt.

Kurzbiografie↑

Als Erste Hofdame der Herzogin Anna Amalia von Sachsen-Weimar-Eisenach stand Luise von Göchhausen im Mittelpunkt des Weimarer Hoflebens der Goethezeit. Sie wurde 1752 in Eisenach geboren und starb 1807 in Weimar. Eigene Dichtungen hat sie nicht hinterlassen; bekannt wurde sie als Abschreiberin, Briefschreiberin und Gastgeberin. Ihrer Hand verdankt die Nachwelt die Abschrift der frühen Faust-Szenen, die 1887 in ihrem Nachlass gefunden wurde und heute Urfaust heißt. Für das Journal von Tiefurt, die handschriftliche Zeitschrift aus dem Kreis der Herzogin, führte sie die Schreibarbeit.


Biografie↑

Geboren wurde Luise Ernestine Christiane Juliane von Göchhausen am 13. Februar 1752 in Eisenach. Ihr Vater Wilhelm Ernst Friedrich von Göchhausen war dort Schlosshauptmann und starb 1768 als Oberkämmerer in Weimar. Ihr Großvater Hermann Friedrich von Göchhausen hatte das Amt des Oberjägermeisters und Hofmarschalls innegehabt. Die Mutter, Charlotte Christiane, war selbst Hofdame in Weimar. Die Familie war also seit Generationen im Dienst der sächsischen Höfe verwurzelt.

Von Kind auf war sie klein und verwachsen. Eine standesgemäße Heirat kam für sie kaum in Betracht; sie blieb unverheiratet. Was ihr fehlte, machte ihr Geist wieder gut: Sie galt als lebhaft, schlagfertig und außerordentlich gesprächsgewandt. Englisch und Französisch sprach sie fließend, Italienisch lernte sie auf der Reise ihrer Fürstin nach Italien dazu.

Ihre erste Stellung führte sie nach Karlsruhe an den Hof der Markgräfin von Baden. Schon dort fiel sie durch ihren gebildeten Geist und ihr munteres Wesen auf. Wegen ihres scharfen Witzes war sie in der höfischen Umgebung freilich mehr gefürchtet als beliebt. 1775 hielt sich Karl Ludwig von Knebel in Karlsruhe auf und fasste eine lebhafte Neigung zu der jungen Hofdame; er rühmte ausdrücklich ihren streng moralischen Geist. Theodor Mundt behauptete später in seiner Lebensbeschreibung Knebels, sie sei eine geborene Straßburgerin von französischer Grazie und von schöner Gestalt gewesen – beides ist nachweislich falsch.

In der Forschung umstritten ist der Verlauf ihrer Weimarer Anfangsjahre. Die Allgemeine Deutsche Biographie lässt sie bis zum Tod der Markgräfin 1783 in Karlsruhe bleiben und erst dann Hofdame der verwitweten Herzogin Anna Amalia werden. Die Neue Deutsche Biographie dagegen nennt 1775 als Jahr ihrer Rückkehr nach Weimar als Gesellschafterin der Herzoginmutter und 1783 lediglich als Jahr der Ernennung zur Ersten Hofdame. In dieser Stellung blieb sie bis zu ihrem Tod.

Am Weimarer Hof war Luise von Göchhausen, wie die NDB formuliert, „überall dabei“. Sie begleitete die Herzoginmutter auf Reisen, unter anderem auf der Rheinreise von 1778, bei der in Frankfurt Goethes Mutter besucht wurde. 1788 fuhr sie mit ihrer Herrin nach Italien. Sie wirkte beim Liebhabertheater mit, beim Liebhaberorchester und bei den zahlreichen Leseabenden. Eine besondere Rolle spielte sie beim Journal von Tiefurt, der handschriftlichen Hauszeitschrift des Kreises: Herausgeberin war Anna Amalia, Chefredakteur Friedrich Hildebrand von Einsiedel, unermüdliche Sekretärin aber Luise von Göchhausen. Zwischen 1781 und 1784 kamen 49 Stücke zusammen, darunter Goethes Gedicht Das Göttliche mit der Zeile „Edel sey der Mensch, hülfreich und gut!“.

Zu Goethe hatte sie rasch ein gutes Verhältnis. Nach seinen Vorleseabenden überließ er ihr mehrfach Handschriften zur Abschrift. Darunter waren die ersten Szenen seiner Faust-Dichtung, deren eigene Handschrift Goethes verloren ist.

Um 1781 bezog Anna Amalia das Obergeschoss des Tiefurter Schlosses als Sommersitz; ihre Hofdame wurde im Nebengebäude untergebracht. In Weimar wohnte Luise von Göchhausen in einer Mansardenwohnung im Wittumspalais. Dort konnte man sich, wie die NDB es beschreibt, auslachen, einen Schabernack ausbrüten oder eine Posse entwerfen. Vom Herbst bis zum Frühjahr lud sie jeden Sonnabend zu einem Frühstück ein, das „der Freundschaftstag“ genannt wurde. Diese Zusammenkünfte wirkten lange Zeit auf das gesellschaftliche Leben Weimars.

Nicht immer war das Verhältnis zur Herzogin ungetrübt. 1790 schrieb Goethe in einem Brief, die Herzogin-Mutter sei schon seit einem Jahr mit der Göchhausen „radicaliter brouillirt“. Die beiden Frauen versöhnten sich jedoch wieder. Als Napoleons Truppen das Weimarer Herzogtum besetzten, gingen die Herzogin und ihre Erste Hofdame für kurze Zeit ins Exil. Luise von Göchhausen starb am 7. September 1807 in Weimar, fünf Monate nach ihrer Herzogin. Ihren Nachlass übernahm ihr Großneffe Bruno von Göchhausen-Reichard.


Literarische Merkmale↑

Schöpferisch im eigentlichen Sinn hat Luise von Göchhausen nicht gearbeitet. Sie selbst hat das offen ausgesprochen und sich mit den Worten charakterisiert: „Genie die Fülle, kann aber nichts machen“. Ihre Begabung lag im Gespräch, im Brief und in der Vermittlung zwischen Menschen.

Ihr mündlicher Witz war berühmt und gefürchtet. Wieland nannte sie „Gnomide“. Die Grafen Stolberg nannten sie wegen ihres wehrhaften Mund- und Schreibwerks „Thusnelda“ oder „Thuselchen“. In Weimar hieß sie scherzweise Thusnelde. Zu Neckerei, Spaß und Spott neigte sie ebenso wie zur Selbstironie, ohne dabei ihr Selbstbewusstsein aufzugeben. Die Zeitgenossin Amalie von Voigt, geborene Ludecus, beschrieb sie als „nichts weniger als hübsch, ja verwachsen“. Zugleich rühmte sie ihre vortreffliche Unterhaltungsgabe: Sie habe es in hohem Grade verstanden, mit jedermann zu verkehren. Jeden habe sie in die Lage gebracht, sein Scherflein zur Unterhaltung beizutragen und sich behaglich zu fühlen.

Ihr eigentliches schriftliches Werk war der Brief. Mit mehreren der auswärtigen Gäste Weimars blieb sie zeitlebens in schriftlicher Verbindung. Die NDB nennt das Ausmaß dieser Korrespondenz staunenswert, bemerkt aber, dass sie nicht erhalten ist. Was gedruckt vorliegt, erschien lange nach ihrem Tod: Werner Deetjen brachte 1923 unter dem Titel Die Göchhausen. Briefe einer Hofdame aus dem klassischen Weimar einen Band heraus, 1927 folgten unbekannte Briefe. Beate Hölscher legte 2023 eine Untersuchung zu ihren Briefen und Selbstzeugnissen des italienischen Jahres 1789 vor.

Daneben steht die Arbeit der Abschreiberin, die ihr den festen Platz in der Literaturgeschichte sicherte. Ihre Handschrift bewahrte Texte, deren Urfassung verloren ging.


Rezeption↑

Zu Lebzeiten galt Luise von Göchhausen die aufrichtige Neigung fast aller, die sie kannten. Die NDB nennt sie eine der tragenden Zentralfiguren im Kulturleben des Weimar der Goethezeit und urteilt, dem Geist beschwingter Heiterkeit hätte ohne sie die eigentliche Würze gefehlt. Zugleich hält derselbe Artikel fest, dass sie ohne eigene Schöpferfähigkeit war; ihre Stärke habe in der Bindekraft gelegen, nicht im Werk.

Berühmt wurde ihr Name durch einen Fund. 1887 entdeckte man in ihrem Nachlass die von ihr abgeschriebenen frühen Faust-Szenen, die man längst verschollen glaubte. Ihr Großneffe Bruno überließ die Handschrift Erich Schmidt zur ersten Veröffentlichung und dem Weimarer Archiv. In der Freude über diesen Fund gab man den Szenen die Bezeichnung Urfaust, die sich bis heute gehalten hat, auch wenn sie umstritten ist. Die NDB weist darauf hin, dass die Abschrift wohl nicht lückenlos ist. Ebenfalls aus ihrem Besitz stammt das Leipziger Liederbuch Annette, von E. W. Behrisch kalligraphisch rein geschrieben und wahrscheinlich ein Geschenk Goethes an sie; veröffentlicht wurde es 1895.

Der Forschung ist sie fortlaufend ein Gegenstand geblieben. Die Allgemeine Deutsche Biographie brachte 1879 einen Artikel von Hugo Schramm-Macdonald, die Neue Deutsche Biographie 1964 einen von Alfred Zastrau. August von Froriep widmete ihr 1917 eine Untersuchung über Schädel, Totenmaske und lebendes Antlitz, Toni Deneke 1955 eine Darstellung, Elke Orlac 2019 das Buch Louise, Hofnärrin zu Weimar. Wolfgang Huschke und Eckart von Stutterheim veröffentlichten in den 1980er Jahren genealogische Arbeiten zu ihrer Familie.

Eine Nachricht ganz anderer Art erreichte sie 2008. Ein Forschungsprojekt des Mitteldeutschen Rundfunks und der Klassik Stiftung Weimar sollte klären, ob einer der beiden als Schillerschädel geltenden Totenköpfe in der Weimarer Fürstengruft wirklich Schiller gehörte. Das Ergebnis lautete, dass der sogenannte Froriep-Schädel Luise von Göchhausen zuzuordnen sei.

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