966 – 1025
Sei Shōnagon
Kurzbiografie↑
Sei Shōnagon lebte um die erste Jahrtausendwende am japanischen Kaiserhof und gehört zu den bekanntesten Stimmen der Heian-Zeit. Sie stammte aus der Gelehrtenfamilie Kiyohara und trat um 993 als Hofdame in den Dienst der Kaiserin Teishi. Ihren Nachruhm begründete eine Sammlung kurzer Aufzeichnungen, die als Kopfkissenbuch bekannt geworden ist. Darin hielt sie Beobachtungen, Listen, Erlebnisse und Klatsch vom Hof fest. Das Buch zählt zu den Klassikern der japanischen Literatur und gilt als Ausgangspunkt der Zuihitsu-Literatur, jener Form des dem Schreibpinsel folgenden Aufzeichnens.
Biografie↑
Geboren wurde sie um 966, gestorben ist sie vermutlich um 1025. Zuletzt erwähnt wird sie im Jahr 1017. Sie stammte aus dem höfischen Umfeld von Heian-kyō, dem heutigen Kyōto. Wo sie starb, ist nicht gesichert.
Ihre Familie, die Kiyohara, war eine Gelehrtenfamilie. Der Vater, Kiyohara no Motosuke, war ein bekannter Dichter und zählte zu den sogenannten Sechsunddreißig Unsterblichen der Dichtkunst. Hofämter besaß die Familie durchaus, finanziell stand sie jedoch nicht besonders gut da. Der eigentliche Name der Autorin ist nicht bekannt. „Sei“ verweist auf den Familiennamen Kiyohara, „Shōnagon“ bezeichnete im Ritsuryō-System den Rang eines niedrigen Kabinettsbeamten. Welche Verbindung sie zu diesem Titel hatte, ist ungeklärt, denn weder ihr Vater noch ihre beiden Ehemänner bekleideten dieses Amt.
Sie heiratete und bekam einen Sohn. Um 993 nahm sie mit etwa 27 Jahren den Dienst am kaiserlichen Hof in Kyōto auf; möglicherweise war sie zu diesem Zeitpunkt bereits geschieden. Sie diente als Hofdame der Kaiserin Teishi, auch Sadako gelesen, der Gattin des Kaisers Ichijō. Bei Hofe wurde sie zur Vertrauten der Kaiserin. Spätere Beurteiler hielten sie für äußerlich wenig anziehend. Gerühmt wurden dagegen ihre Bildung, ihr Witz und ihre feine Beobachtungsgabe.
Schon während ihrer Jahre bei Hofe entstanden jene Aufzeichnungen, die unter dem Titel makura no sōshi bekannt wurden, auf Deutsch Kopfkissenbuch. Abgeschlossen wurden sie vermutlich zwischen 1001 und 1010. Rund 300 unterschiedlich lange Texte kamen so zusammen. Sie kursierten zunächst in Abschriften am Hof; die heutige Anordnung geht auf spätere Zeit zurück. Auch ihre Gedichte fanden, wie schon die des Vaters, Eingang in die offiziellen Anthologien des Reiches.
Ihre Texte berichten vom Leben und Treiben am Hof, von den Personen ihrer Umgebung und von der Stimmung der Heian-Periode (794–1185). In dieser Zeit gelangte die Literatur zu hoher Blüte. Eine berühmte Zeitgenossin war Murasaki Shikibu, die Verfasserin des Genji Monogatari. Sie diente der Kaiserin Shōshi, der Rivalin Teishis.
Die Kaiserin starb Anfang 1001 im Kindbett, nach japanischer Zählung noch im Jahr 1000. Bald danach verließ Sei Shōnagon den Hof. Wahrscheinlich zog sie in die Provinz Settsu, wo ihr zweiter Mann Fujiwara no Muneyo Statthalter war. Mit ihm hatte sie vermutlich eine Tochter. Nach 1017 ist über ihr Leben nichts Zuverlässiges mehr bekannt. Spätere Legenden erzählen, sie sei verarmt als Nonne gestorben, nach manchen Fassungen auf der Insel Shikoku.
Literarische Merkmale↑
Ihre Prosa ist knapp, ungekünstelt und stilistisch reif, gelegentlich bis zum Lakonischen verkürzt. Sie schrieb auf Japanisch, spielte aber immer wieder auf chinesische Dichter wie Bai Juyi an. Ihre Kenntnis des Chinesischen stellte sie gern zur Schau. Zugleich kannte sie die japanische Dichtung gut und konnte zu jedem Anlass ein passendes klassisches Gedicht zitieren.
Kennzeichnend ist die Form des Zuihitsu, wörtlich: wohin der Schreibpinsel führt. Sie hält scheinbare Kleinigkeiten fest, eigene und fremde Erlebnisse, Alltagsgeschichten, selbst Klatsch. Abschnitte über beneidenswerte Dinge, über Dinge, die nervös machen, oder Ratschläge zum Briefeschreiben zeigen die Bandbreite ihrer Betrachtungen. Natur, menschliche Psychologie und die Rolle des Menschen in der Gesellschaft stehen dabei im Mittelpunkt. Die Autorin erscheint darin belesen und gebildet, zugleich scharfzüngig und schlagfertig; ihr Blick ist offen und selbstbewusst und konnte bis zur Karikatur reichen.
Rezeption↑
Zeitgenössische Kritik ist aus dem Tagebuch ihrer Zeitgenossin Murasaki Shikibu überliefert, und sie fällt hart aus. Dort heißt es, Sei Shōnagon sei „fürchterlich eingebildet“ gewesen. Sie habe sich für sehr gescheit gehalten und chinesische Schriftzeichen in ihre Texte gestreut, doch bei genauerem Hinsehen sei „doch allerhand zu wünschen übrig“ geblieben. Wer sich in unpassenden Situationen ständig hervortue, wirke „bald lächerlich und künstlich“.
Auch später schwankte das Urteil über sie. Manche mittelalterliche Kritiker lobten, dass sie nur die Glanzzeit ihrer Kaiserin schilderte. Andere verurteilten solche höfische Prosa als unmoralisch. Seit dem 18. Jahrhundert würdigten Gelehrte sie als bedeutende Autorin klassischer japanischer Prosa. Ab dem späten 19. Jahrhundert wurde sie dagegen oft als eitel und hochmütig getadelt, meist im Vergleich mit Murasaki Shikibu. Diese Sicht hielt sich bis etwa in die 1970er-Jahre.
Der Rang ihres Werkes ist heute unbestritten. Das Kopfkissenbuch zählt zu den Klassikern des Landes und gehört zum Schulkanon der japanischen Literatur. Im deutschen Sprachraum liegt das Werk in mehreren Ausgaben vor, unter anderem in der Übersetzung von Mamoru Watanabe (1952) und in einer kommentierten Neuübersetzung von Michael Stein (2015).
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