630 v. Chr. – 570 v. Chr.
Sappho
Kurzbiografie↑
Aus der Zeit um 600 v. Chr. ragt die Stimme der griechischen Dichterin Sappho bis heute heraus. Sie lebte in Mytilene auf der Insel Lesbos in der Nordägäis. Die Insel hatte damals schon eine eigene, reiche Dichtungstradition. Sappho schrieb Lieder, in denen die Liebe einen breiten Raum einnimmt. Schon im Altertum galt sie als bedeutende Lyrikerin von kanonischem Rang. Ein Epigramm, das Platon zugeschrieben wird, nennt sie die „zehnte Muse“. Von ihrem Gesamtwerk ist nach heutigen Schätzungen nur ein kleiner Bruchteil erhalten. Überliefert ist er in Zitaten anderer Autoren und auf Papyrusfragmenten. Geboren wurde sie wohl um 630 v. Chr., gestorben ist sie vermutlich um 570 v. Chr.; beide Jahre sind nur ungefähr bekannt.
Biografie↑
Über das Leben der Sappho berichten vor allem spätere Legenden. Gesicherte Nachrichten sind selten. Was sich von ihrem Werdegang andeutungsweise rekonstruieren lässt, stützt sich auf antike Quellen und auf autobiografische Hinweise in ihren eigenen Dichtungen. Sie entstammte einer alten Adelsfamilie auf Lesbos.
Für ihren Vater überliefern antike Quellen zehn verschiedene Namen; am frühesten und häufigsten bezeugt ist Skamandronymos. Als Mutter nennt die Überlieferung Kleïs, als Brüder Charaxos, Erigyios und Larichos. Ihren eigenen Gedichten nach hatte Sappho vermutlich eine Tochter. In einem Fragment spricht sie diese wohl als Kleïs an und vergleicht ihre Gestalt mit der goldener Blumen. Auch die Suda nennt eine Tochter Kleïs. Als Vater des Kindes nennt sie einen Ehemann namens Kerkylas von der Kykladeninsel Andros. Dieser Name ist sonst nicht bezeugt und stammt vermutlich aus einer antiken Komödie.
Das Marmor Parium überliefert, dass Sappho aus Mytilene verbannt worden und nach Sizilien gefahren sei. Diese Verbannung traf sie wohl nur als Familienmitglied und galt nicht ihr persönlich. Sie fällt in die Zeit zwischen 604/03 v. Chr. und 596/95 v. Chr. Einige Jahre später kehrte sie nach Lesbos zurück; das genaue Jahr ist unsicher. Nach verbreiteter Deutung versammelte sie dort junge Frauen aus vornehmen Familien um sich. Sie soll sie in Dichtung, Musik, Gesang und Tanz unterrichtet und mit ihnen bei Festen zu Ehren der Götter gesungen haben. Ob sie tatsächlich eine Art Lehrerin war, ist in der Forschung allerdings umstritten.
Ins Reich der späteren Legende gehört die Behauptung, Sappho habe sich aus unerwiderter Liebe zu Phaon auf der Insel Leukas von einem Felsen gestürzt. Diese Vorstellung wird schon bei Menander und bei Ovid vorausgesetzt. Im Mythos ist Phaon ein alter Fährmann, dem Aphrodite Jugend und Schönheit schenkte. Die Geschichte von Sapphos Sprung gilt heute als unhistorisch; vermutlich stammt sie aus der Komödie.
Literarische Merkmale↑
Zum Werk der Sappho gehörten Götterhymnen, Hochzeits- und Liebeslieder. In der Antike waren sie in acht oder neun Büchern gesammelt, die heute alle verloren sind. Die Überlieferung muss sich deshalb auf Verweise und Zitate anderer Autoren oder auf Papyrusfragmente stützen. Vollständig erhalten ist nur die Ode an Aphrodite. Von etwa zehn weiteren Gedichten ist mehr als die Hälfte der Verse überliefert. 2004 wurde auf einem Kölner Papyrus das sogenannte Tithonos-Gedicht veröffentlicht, das zuvor nur in Teilen bekannt war. Weitere Funde folgten. 2014 machte der Papyrologe Dirk Obbink Fragmente zweier bis dahin unbekannter Gedichte bekannt, darunter das sogenannte Brüdergedicht. Darin geht es um die Sorge um eine Seereise ihres Bruders Charaxos; auch ihr Bruder Larichos wird genannt.
Gerühmt wird ihre klare und ausdrucksstarke Sprache. Der römische Dichter Catull übertrug ihr Fragment 31 in seinem Gedicht 51 ins Lateinische und übernahm die sapphische Strophe. Auch Horaz spielte in seinen Oden auf ihre Gedichte an. In der Antike hieß sie „die Dichterin“, so wie Homer „der Dichter“ hieß.
Nach ihr ist die vierzeilige sapphische Strophe benannt. Schon in der Antike galt Sappho als ihre Erfinderin; nach anderer Auffassung stammt die Strophe von Alkaios. Gemeinsam mit Alkaios prägte sie einen neuen Stil des Sologesangs, der Monodie. Nach antiker Überlieferung soll sie zudem die „mixolydische Weise“ erfunden haben, eine Oktavgattung des griechischen Tonsystems. Diese Tonart galt als klagend; dass Sappho sie erfand, gilt heute als unwahrscheinlich. In ihren Liedern besingt sie die Schönheit ihrer Freundinnen, der jungen Frauen ihres Kreises und ihrer Tochter. Schon seit hellenistischer Zeit wurden diese Lieder auf eine Liebe Sapphos zu Frauen bezogen. Von dieser Deutung leitet sich die Bezeichnung „lesbische“ oder „sapphische“ Liebe ab.
Rezeption↑
Sappho hat bis heute weit nachgewirkt. Schon Platon zitierte sie in seinem Dialog Phaidros; ein ihm zugeschriebenes Epigramm nennt sie die zehnte Muse.
In der Literatur wurde ihre Gestalt immer wieder aufgegriffen. Franz Grillparzer machte sie 1818 zur Heldin seines Trauerspiels Sappho. Lawrence Durrell verfasste das Versdrama Sappho. Ihre Gestalt wurde auch in weiteren Werken aufgegriffen, darunter Christine Brückners Monolog in Wenn du geredet hättest, Desdemona.
Besonders reich ist die musikalische Rezeption. Seit dem späten 18. Jahrhundert entstand eine Reihe von Opern über den Sappho-Stoff, unter anderem von Johann Simon Mayr, Giovanni Pacini und Charles Gounod. Ihre eigenen Verse vertonten im 20. Jahrhundert unter anderem Iannis Xenakis und Esa-Pekka Salonen. In der bildenden Kunst stellten sie unter anderem Antoine-Jean Gros, Gustave Moreau und Lawrence Alma-Tadema dar.
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