518 v. Chr. – 438 v. Chr.
Pindar
Kurzbiografie↑
Zu den bedeutendsten Dichtern des antiken Griechenland zählt Pindar. Er wurde um 518 v. Chr. in Kynoskephalai bei Theben geboren und starb um 438 v. Chr. Er gehört zum Kanon der neun Lyriker, einer Auswahl der angesehensten griechischen Dichter. Berühmt wurde er vor allem für seine Siegeslieder, mit denen er die Gewinner der großen sportlichen Wettkämpfe pries. Seine feierliche, kunstvolle Sprache machte ihn über die Antike hinaus zum Vorbild für viele spätere Dichter.
Biografie↑
Pindar stammte aus einer Adelsfamilie, wohl aus dem weitverzweigten Geschlecht der Aegiden. So wuchs er in einem Umfeld auf, das ihm eine sorgfältige Ausbildung ermöglichte. Einen Teil seiner dichterischen und musikalischen Schulung absolvierte er im demokratischen Athen. Diese Stadt war damals mit seiner Heimatstadt Theben verfeindet. Der Überlieferung nach wurde er zur Zeit der Pythischen Spiele geboren. Sein frühestes erhaltenes Gedicht stammt aus dem Jahr 498 v. Chr. Auch als Dichter für Kultfeiern war er gefragt; so bestellte die Priesterschaft in Delphi bei ihm einen Paian. Vornehme und reiche Sieger sportlicher Wettkämpfe bestellten Chorlieder bei ihm – etwa von der Insel Aigina, aus Thessalien, Orchomenos, Athen und Theben.
Während der Perserkriege geriet Pindar in einen Zwiespalt. Das aristokratisch regierte Theben kämpfte 480/479 v. Chr. auf der Seite der Perser. Pindar hielt zeitlebens an den aristokratischen Idealen fest, fühlte sich aber zugleich als Grieche. Möglicherweise verbrachte er diese Zeit großenteils auf der Insel Aigina. Später würdigte er die Rolle Athens bei der Befreiung Griechenlands. Und Athen seinerseits schätzte seine künstlerische Leistung.
Um 476 v. Chr. reiste Pindar nach Sizilien. Dort herrschten die kunstliebenden Tyrannen Hieron I. von Syrakus und Theron von Akragas. Auf deren Siege bei Wagen- und Pferderennen verfasste er einige Gedichte. An ihren Höfen begegnete er Simonides und dessen Neffen Bakchylides, zwei bedeutenden Chorlyrikern und Rivalen. Die Nachwelt sah in Pindar den bedeutendsten der drei. Nach seiner Rückkehr aus Sizilien schrieb er unter anderem für König Arkesilas IV. von Kyrene und für den Faustkämpfer Diagoras von Rhodos.
Seine späten Jahre waren von den Niederlagen Thebens gegen das aufstrebende Athen überschattet. Er starb um 438 v. Chr., vermutlich während eines Festes in Argos. Der Überlieferung nach starb er im Theater, den Kopf an die Schulter des jungen Theoxenos von Tenedos gelehnt. Für diesen Freund hatte er ein Liebeslied verfasst. Nach einer anderen Fassung starb er in einer Ringschule. Seine Asche sollen seine Töchter nach Theben gebracht haben. Aussagen über Pindars eigene Einstellungen und persönliche Gefühle bleiben allerdings unsicher. Denn sie lassen sich nur aus den Worten der Ich-Sprecher in seinen Gedichten gewinnen. Und diese waren nicht selten bezahlte Auftragsarbeiten.
Literarische Merkmale↑
Man muss sich Pindars Gedichte als choreographierte Kantaten vorstellen. Sie wurden im Rahmen eines Kultes oder einer Feier aufgeführt. Nach antiker Auffassung trug ein Chor sie mit Instrumentalbegleitung vor; manche heutigen Forscher vermuten dagegen Sologesang. Es handelte sich um regelrechte Gesamtkunstwerke. Pindar verfasste nicht nur die Texte, sondern komponierte auch die Musik und entwarf die Choreographie. Häufig leitete er die Aufführung sogar selbst. Musik und Choreographie sind nicht überliefert.
Gegenstand seiner Siegeslieder ist das oft mit höchstem Kunstaufwand vorgetragene Lob des Siegers und seiner Familie. Daneben steht aber auch das Lob des Dichters und der Dichtkunst selbst. Der kultischen und metaphysischen Dimension dieser Lyrik entsprechend nehmen Erzählungen über Götter und mythische Helden viel Raum ein. Seine Sprache ist traditionell dorisch geprägt, feierlich, gesucht und bisweilen sogar dunkel.
Vollständig erhalten sind allein die Epinikia, die Siegeslieder. Die übrigen Bücher liegen nur in Bruchstücken vor. Zu den umfangreichsten Fragmenten gehören Teile aus dem Buch der Paiane zu Ehren des Gottes Apollon.
Rezeption↑
Nach Pindars Tod verlor die Chorlyrik bald an Bedeutung. Sein Ruhm aber hielt lange an. Die Gelehrten von Alexandria erforschten sein umfangreiches Werk. Sie ordneten es mustergültig in siebzehn Büchern. Dazu gehörten Götterhymnen, Paiane, Dithyramben, Prozessionslieder und Tanzlieder. Vier Bücher enthielten Epinikia, also Oden auf die Sieger der olympischen, pythischen, nemeischen und isthmischen Spiele. Eine vielzitierte Überlieferung berichtet von der Zerstörung Thebens durch Alexander den Großen 335 v. Chr. Er soll allein das Wohnhaus Pindars verschont haben. Die Römer, insbesondere Horaz und Quintilian, sahen in seiner Lyrik einen nicht mehr erreichbaren Höhepunkt einer vergangenen Tradition.
Der Humanismus entdeckte Pindar ab dem 16. Jahrhundert neu und machte ihn zum lyrischen Vorbild. Die erste gedruckte Ausgabe erschien 1513 bei Aldus Manutius in Venedig. 1515 folgte in Rom die Ausgabe des Kreters Zacharias Kallierges, die erstmals auch die antiken Erläuterungen enthielt. Bedeutende Nachdichtungen lieferten unter anderem Pierre de Ronsard und Abraham Cowley. Im deutschen Sprachraum ahmten ihn schon Dichter wie Martin Opitz nach; im 18. Jahrhundert ließ sich der junge Goethe von ihm anregen. Ein bedeutender deutscher Pindar-Übersetzer war Friedrich Hölderlin. Auch Hölderlins eigene Dichtung zeigt deutlich den Einfluss Pindars.
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