43 v. Chr. – 17
Ovid
Kurzbiografie↑
Publius Ovidius Naso, kurz Ovid genannt, war ein römischer Dichter. Neben Horaz und Vergil zählt er zu den drei großen Poeten der klassischen Epoche der römischen Literatur. Sein Schaffen verlief in drei Phasen: In jungen Jahren schrieb er Liebesgedichte, in der mittleren Zeit große Sagenzyklen und während seiner Verbannung Klagelieder. Sein gut erhaltenes Werk übte einen tiefen Einfluss auf die Dichtung, die bildende Kunst und die Musik des Mittelalters und des Barock aus. Vor allem sein Hauptwerk, die Metamorphosen, hat sich tief in das kulturelle Gedächtnis der Nachwelt eingeprägt.
Biografie↑
Geboren wurde Ovid am 20. März 43 v. Chr. in Sulmo, dem heutigen Sulmona, in einem Tal des Apennin östlich von Rom. Gestorben ist er 17 oder 18 n. Chr. in Tomis, dem heutigen Constanța in Rumänien. Was man über sein Leben weiß, stammt fast ganz aus seinem eigenen Werk, vor allem aus den im Exil verfassten Tristia. Spätere Autoren erwähnen ihn nur knapp, etwa Hieronymus. Wie zuverlässig Ovids Angaben über sich selbst sind, wird zum Teil bezweifelt.
Im Gegensatz zu Vergil und Horaz blieben Ovid die Schrecken des Bürgerkriegs erspart. Er wuchs in der Sicherheit der Pax Romana auf. Er entstammte einer wohlhabenden Familie aus dem Ritterstand. Zusammen mit seinem Bruder wurde er in Rom in der Redekunst ausgebildet, denn der Vater wollte ihn auf die römische Ämterlaufbahn, den cursus honorum, vorbereiten. Seine Lehrer waren die bekannten Rhetoren Arellius Fuscus und Porcius Latro. Nach dem frühen Tod des Bruders reiste Ovid nach Athen, nach Kleinasien und nach Sizilien. Bei ihnen entdeckte Ovid seinen Hang zum Formulieren von Versen und zum Erzählen von Geschichten. Von Porcius Latro, der selbst als Dichter hervortrat, übernahm er später einige Wendungen.
Zunächst erreichte er als einer der tresviri und als decemvir stlitibus iudicandis die untersten Stufen der senatorischen Ämterlaufbahn. Dann aber gab er diesen Weg auf. Dem juristischen Bereich blieb er als Mitglied in den Gerichtshöfen der centumviri sowie als Richter in Zivilprozessen zunächst noch verbunden. Danach stellte er alle öffentlichen Tätigkeiten ein, um Dichter zu werden. Der Kunstpatron Marcus Valerius Messalla Corvinus nahm ihn in seinen Kreis von Dichtern auf und förderte ihn.
Sein erstes Werk, die Liebesgedichte Amores, wurde ein großer Erfolg. Nach weiteren Werken zum Thema Liebe schrieb er sein Hauptwerk, die Metamorphosen, in dem alte Sagen reich ausgeschmückt neu erzählt werden. Bis 8 n. Chr., kurz vor seiner Verbannung, hatte er es abgeschlossen. Ovid heiratete in jungen Jahren. Doch sowohl seine erste als auch seine zweite Ehe wurden nach kurzer Dauer geschieden. Wahrscheinlich entstammte seine Tochter der zweiten Ehe, da seine dritte Frau, mit der er bis zu seinem Tod verheiratet blieb, nie mit ihr in Verbindung gebracht wurde.
Im Herbst des Jahres 8 n. Chr. verbannte ihn Kaiser Augustus nach Tomis am Schwarzen Meer. Weder ein Gerichtsverfahren noch ein Beschluss des Senats legitimierten diese Verbannung, wie Ovid später schrieb. Es handelte sich allerdings um eine mildere Form, eine relegatio, sodass er sein Vermögen und sein Bürgerrecht behalten konnte. Als Ursachen gibt er selbst carmen et error an, „Gedicht und Verfehlung“. Mit dem Gedicht ist wohl die Ars amatoria gemeint, die dem auf Sittenstrenge bedachten Augustus ein Dorn im Auge gewesen sein dürfte. Wichtiger aber muss die „Verfehlung“ gewesen sein, denn die Veröffentlichung der Ars amatoria lag zum Zeitpunkt der Verbannung schon etwa acht Jahre zurück. In den Tristia deutet Ovid an, er habe etwas „gesehen, was er nicht habe sehen dürfen“. Vermutet wird oft ein Zusammenhang mit dem Skandal um Augustus’ Enkelin Iulia; der wirkliche Grund ist bis heute unklar.
Viele Jahre lang versuchte Ovid, den Kaiser zu erweichen und seine Rückberufung zu erreichen, indem er seine Exildichtung nach Rom sandte. Doch sein Bestreben blieb zeitlebens ohne Erfolg. Auch Augustus’ Nachfolger Tiberius berief ihn nicht zurück. Über Ovids Tod ist nicht viel bekannt. Da sich in seinen Dichtungen keine Anspielungen auf Ereignisse nach dem Jahr 17 n. Chr. finden, nimmt man an, dass er kurz darauf gestorben ist.
Literarische Merkmale↑
Drei Schaffensphasen lassen sich in Ovids Werk unterscheiden. In der Frühphase, nach einer bis auf wenige Reste verlorenen Tragödie Medea, verfasste er erotische Dichtungen. In den Amores steht eine junge Frau namens Corinna im Mittelpunkt. Von ihr ist nicht bekannt, ob es sie als reale Person gegeben hat. Anders als seine Vorgänger stellt Ovid die Liebe nicht als leidvolles Schmachten dar, sondern als amüsantes und frivoles Spiel. Die Ars amatoria, die „Liebeskunst“, ist ein Lehrgedicht in drei Büchern. Es gibt auf ironische Weise Anleitungen, wie Frauen und Männer im Spiel der Liebe zum Erfolg kommen. Die Liebe erscheint hier als Technik, die man wie das Kriegshandwerk erlernen und nach Regeln beherrschen kann. Die Remedia amoris bilden das Gegenstück und benennen die Mittel, mit denen man sich vom Liebeskummer befreien kann. Die Heroides sind fiktive Liebesbriefe berühmter Frauen der Sage wie Penelope, Helena, Dido oder Medea. In ihnen kommt eine weibliche Sicht auf bekannte Heldenstoffe zum Ausdruck. Bei einigen der Briefe ist Ovids Autorschaft umstritten.
In der mittleren Phase folgten zwei große Sagenzyklen. In den Fasti beschreibt Ovid die Namen, Ursprünge und Bräuche römischer Feste. Das Werk bricht nach der Hälfte ab und behandelt nur die Monate Januar bis Juni. Die Metamorphosen, sein bekanntestes Werk, umfassen 15 Bücher mit zusammen fast 12.000 Versen. Sie erzählen mehr als 250 Verwandlungsgeschichten vor allem aus der griechischen Mythologie, von der Erschaffung der Welt bis zur Vergöttlichung Caesars. Übergänge und Querverbindungen verbinden diese Geschichten miteinander. So entsteht kein bloßes Sammelwerk, sondern ein episches Ganzes mit Proömium und Epilog. Dabei steht keine Figur im Mittelpunkt. Darin finden sich unter anderem Pyramus und Thisbe, Apollo und Daphne, Dädalus und Ikarus, Philemon und Baucis, Narziss und Echo sowie Orpheus und Eurydike.
Die Spätphase entstand während der Verbannung. Hier schrieb Ovid Trauerelegien in Briefform, fünf Bücher Tristia und vier Bücher Epistulae ex Ponto, die „Briefe vom Schwarzen Meer“. Der Dichter beklagt darin sein hartes Schicksal, die Ferne von Rom und die Unwirtlichkeit seines erzwungenen Aufenthaltsorts. Noch macht er sich Hoffnung auf Begnadigung.
Rezeption↑
Nach der klassischen Antike wurde Ovids Werk in der Spätantike zunächst weniger beachtet. Danach jedoch übte es großen Einfluss auf die Dichtung, die bildende Kunst und die Musik des Mittelalters sowie des Barock aus. Chaucer und Shakespeare griffen Stoffe aus den Metamorphosen auf. In der Romantik ging dieser Einfluss zurück, lebte im späteren 19. Jahrhundert aber wieder auf. Sein gut erhaltenes Werk hat sich tief in das kulturelle Gedächtnis der Nachwelt eingeprägt. An erster Stelle stehen dabei die Metamorphosen. Viele Verwandlungsgeschichten der antiken Mythologie sind daraus bis heute geläufig.
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