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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Porträt Friedrich Nietzsche
Friedrich Nietzsche
1844 – 1900
– Autorenporträt –

Friedrich Nietzsche

1844 – 1900 · 55 Jahre

Philosoph und Philologe, der mit seinem Werk Moral, Religion, Wissenschaft und Kunst angriff – vor allem die christliche Moral. Zu Lebzeiten von den Fachkollegen kaum beachtet, wurde er erst nach seinem Zusammenbruch 1889 zu einem der wirkungsmächtigsten deutschsprachigen Philosophen.

Kurzbiografie↑

Friedrich Nietzsche gehört zu den wirkungsmächtigsten deutschsprachigen Philosophen. Er wurde 1844 geboren und starb 1900 in Weimar. Als Philologe begann er, als Denker sprengte er die gängigen Muster seines Fachs: Sein Werk greift Moral, Religion, Wissenschaft und Kunst scharf an, allen voran die christliche Moral. Oft wählte er den Aphorismus als Form, und der pathetisch-lyrische Ton von Also sprach Zarathustra verschaffte ihm auch als Schriftsteller Anerkennung. Begriffe wie der „Übermensch“, der „Wille zur Macht“ und die „ewige Wiederkunft“ werden bis heute diskutiert. Ab 1889 machten psychische Störungen ihn arbeits- und geschäftsunfähig; den Ruhm, der Anfang der 1890er Jahre einsetzte, erlebte er nicht mehr bewusst.


Biografie↑

Geboren wurde Nietzsche am 15. Oktober 1844 in Röcken bei Lützen im Kreis Merseburg, in der preußischen Provinz Sachsen. Sein Vater war der lutherische Pfarrer Carl Ludwig Nietzsche, seine Mutter Franziska stammte ebenfalls aus einem Pfarrhaus. In beiden Familien gab es viele protestantische Geistliche. Den Vornamen gab ihm der Vater zu Ehren des preußischen Königs Friedrich Wilhelm IV., an dessen Geburtstag das Kind zur Welt kam.

1846 kam die Schwester Elisabeth zur Welt. Der Vater starb 1849, der jüngere Bruder Ludwig Joseph 1850. Danach zog die Familie nach Naumburg. Von 1850 bis 1856 lebte Nietzsche im sogenannten Naumburger Frauenhaushalt: mit Mutter, Schwester, Großmutter, zwei unverheirateten Tanten und dem Dienstmädchen. Erst das Erbe der 1856 verstorbenen Großmutter erlaubte der Mutter eine eigene Wohnung. In der allgemeinen Knabenschule fühlte sich der Junge isoliert, weshalb man ihn auf eine Privatschule schickte. Ab 1854 besuchte er das Domgymnasium Naumburg und fiel durch musische und sprachliche Begabung auf. Am 5. Oktober 1858 wurde er als Stipendiat in die Landesschule Pforta aufgenommen; die Deutsche Biographie bezeichnet die dortige strenge altphilologische Ausbildung als entscheidend für seinen späteren Berufsweg. Seine Leistungen waren sehr gut, in der Freizeit dichtete und komponierte er. Hier bildete sich erstmals seine eigene Vorstellung von der Antike und damit eine Distanz zur kleinbürgerlich-christlichen Welt seiner Familie. Der Lehrer Wilhelm Corssen setzte sich vor dem Kollegium dafür ein, dass Nietzsche trotz einer schlechten Mathematiknote das Abitur erhielt.

Ab 1860 traf er sich mit den Schulfreunden Wilhelm Pinder und Gustav Krug auf der Burgruine Schönburg und diskutierte über Literatur, Philosophie, Musik und Sprache. Dort gründeten die drei Freunde am 25. Juli 1860 die künstlerisch-literarische Vereinigung „Germania“. Gedichte, Kompositionen und Abhandlungen mussten regelmäßig geliefert werden, aus einer Gemeinschaftskasse wurden Bücher beschafft. Aus diesem Umfeld stammen frühe Arbeiten wie Fatum und Geschichte und Über das Dämonische in der Musik. 1863 löste sich die Germania auf. Schon damals entwickelte Nietzsche seine Leidenschaft für die Musik Richard Wagners.

In Bonn begann er klassische Philologie und evangelische Theologie zu studieren. Mit Paul Deussen trat er der Burschenschaft Frankonia bei. Nach einem Jahr verließ er sie aber wieder, weil ihm das Verbindungsleben missfiel. Er las die Junghegelianer, darunter Das Leben Jesu von David Friedrich Strauß und Das Wesen des Christentums von Ludwig Feuerbach. Diese Lektüre bestärkte ihn darin, das Theologiestudium nach einem Semester abzubrechen. Seine Mutter war darüber sehr enttäuscht. Als sein Lehrer Friedrich Ritschl nach Leipzig berufen wurde, zog Nietzsche im Herbst 1865 nach. Dort wurde er zu Ritschls philologischem Musterschüler. In Leipzig entdeckte er Schopenhauers Die Welt als Wille und Vorstellung. Laut der Deutschen Biographie prägte das Buch seine Entwicklung wesentlich. Enge Freundschaft schloss er mit dem Kommilitonen Erwin Rohde. 1866 beteiligte er sich an der Gründung des Klassisch-Philologischen Vereins. 1867 leistete er seinen Wehrdienst bei der preußischen Armee in Naumburg ab. Ein schwerer Reitunfall machte ihn im März 1868 dienstunfähig. Im Herbst 1868 lernte er Richard Wagner kennen.

Im Februar 1869 wurde Nietzsche auf Empfehlung Ritschls zum außerordentlichen Professor für klassische Philologie in Basel berufen – im Alter von 24 Jahren und zunächst ohne Promotion, die im März aufgrund seiner Leipziger Arbeiten nachgeholt wurde. Zu seinen Pflichten zählte auch Unterricht am Basler Gymnasium am Münsterplatz. Als seine wichtigste philologische Erkenntnis gilt das quantitierende Prinzip: dass die antike Metrik allein auf der Länge der Silben beruhte. Auf eigenen Wunsch wurde er aus der preußischen Staatsbürgerschaft entlassen und blieb staatenlos. Im Krieg gegen Frankreich diente er 1870 kurze Zeit als Sanitäter und zog sich dabei schwere Erkrankungen zu. Die Reichsgründung und die Ära Bismarcks nahm er skeptisch zur Kenntnis. In Basel begann 1870 die Freundschaft mit dem Theologen Franz Overbeck, die bis in Nietzsches Umnachtung hielt. Den älteren Kollegen Jacob Burckhardt schätzte er.

Wagner und dessen späterer Frau Cosima war Nietzsche zutiefst zugetan und häufig Gast in Tribschen bei Luzern. 1872 erschien Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik, in der Nietzsche die griechische Tragödie aus dem Gegensatz von apollinisch und dionysisch erklärte und die philologische Methode durch philosophische Spekulation ersetzte. Die meisten Fachkollegen lehnten die Schrift ab oder übergingen sie mit Schweigen. Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff warf ihm in der Streitschrift Zukunftsphilologie! unsauberes Arbeiten vor; Rohde und Wagner ergriffen für Nietzsche Partei. Bereits 1871 hatte er sich vergeblich um einen Basler philosophischen Lehrstuhl bemüht. Auch die vier Unzeitgemäßen Betrachtungen (1873–1876) fanden nicht die erhoffte Resonanz. Die Enttäuschung über die ersten Bayreuther Festspiele 1876 nahm er zum Anlass, sich von Wagner zu entfernen; die frühere Verehrung schlug in radikale Gegnerschaft um. Von Wagners antisemitischen Schriften distanzierte er sich entschieden. Ähnlich löste er sich von Schopenhauer, nachdem er Philipp Mainländers Kritik gelesen hatte. Mit Menschliches, Allzumenschliches (1878) wurde die doppelte Entfremdung offenbar. Migräne, Magenstörungen und eine starke Kurzsichtigkeit zwangen ihn zu immer längeren Freistellungen. 1879 ließ er sich vorzeitig pensionieren.

Von nun an lebte Nietzsche als freier Autor an wechselnden Orten, auf der Suche nach einem günstigen Klima. Er lebte von seiner Pension und gelegentlichen Zuwendungen von Freunden. Die Sommer verbrachte er meist in Sils-Maria, die Winter vorwiegend in Italien und in Nizza. Sein früherer Schüler Heinrich Köselitz, der sich Peter Gast nannte, wurde zeitweilig eine Art Privatsekretär. Er und Overbeck blieben die beständigsten Vertrauten. Anfang der 1880er Jahre erschienen Morgenröte und Die fröhliche Wissenschaft. 1882 lernte er in Rom Lou von Salomé kennen und verliebte sich in sie. Über den gemeinsamen Freund Paul Rée hielt er um ihre Hand an, doch sie lehnte ab. Auch wegen Intrigen seiner Schwester zerbrach die Beziehung zu Rée und Salomé im Winter 1882/1883. Nahezu völlig isoliert und von Suizidgedanken geplagt, flüchtete Nietzsche nach Rapallo. Dort brachte er in nur zehn Tagen den ersten Teil von Also sprach Zarathustra zu Papier. Der neue Stil stieß selbst im engsten Freundeskreis auf Unverständnis. Den vierten Teil gab er 1885 nur als Privatdruck in 40 Exemplaren heraus. Nur einen kleinen Teil verschenkte er an Freunde. 1886 ließ er Jenseits von Gut und Böse auf eigene Kosten drucken. 1887 schrieb er in kurzer Zeit Zur Genealogie der Moral. Georg Brandes hielt im Frühjahr 1888 in Kopenhagen die ersten Vorträge über seine Philosophie. 1888 verfasste er fünf Bücher, teils aus Aufzeichnungen für das geplante Werk Der Wille zur Macht. Dazu zählen die Polemik Der Fall Wagner, die Götzen-Dämmerung und die Autobiographie Ecce homo. Seine Briefe ab Herbst 1888 lassen auf beginnenden Größenwahn schließen.

Am 3. Januar 1889 erlitt Nietzsche in Turin einen Zusammenbruch. Die „Wahnzettel“, die er an Freunde, an Cosima Wagner und an Jacob Burckhardt sandte, waren von der Erkrankung gezeichnet. Overbeck brachte ihn nach Basel in die Klinik. Die Mutter holte ihn von dort nach Jena in die psychiatrische Universitätsklinik. 1890 nahm sie ihn in Naumburg bei sich auf. Über die Ursache des Zusammenbruchs wird seit damals gestritten. Gut hundert Jahre galt die Verdachtsdiagnose einer Nervensyphilis, die heute stark bezweifelt wird. Diskutiert wird unter anderem die seltene Erbkrankheit CADASIL. Die Deutsche Biographie spricht von einer organischen Gehirnerkrankung ungeklärter Ursache. Die Schwester Elisabeth kehrte 1893 nach dem Suizid ihres Mannes aus Paraguay zurück. Sie ließ die begonnene Gesamtausgabe von Köselitz einstampfen. Schritt für Schritt übernahm sie die Kontrolle über den Bruder, den Nachlass und die Werkausgabe. Nach dem Tod der Mutter 1897 lebte Nietzsche in der Villa Silberblick in Weimar. Dort pflegte Elisabeth ihn und gewährte ausgewählten Besuchern Zutritt. Nach mehreren Schlaganfällen war er teilweise gelähmt und konnte weder stehen noch sprechen. Am 25. August 1900 starb er im Alter von 55 Jahren in Weimar an einer Lungenentzündung und einem weiteren Schlaganfall. Begraben wurde er im Familiengrab an der Röckener Dorfkirche.


Literarische Merkmale↑

Ein geschlossenes philosophisches System hat Nietzsche nicht geschaffen. Als Form seiner Gedanken wählte er oft den Aphorismus, den kurzen, zugespitzten Einzelgedanken. Menschliches, Allzumenschliches ist ganz in dieser Weise gebaut, und Morgenröte und Die fröhliche Wissenschaft folgten im gleichen Stil.

Schon als Philosoph sprengte er die gängigen Muster – sowohl mit seinem Denken als auch mit seiner Schreibweise. Einer klassischen Disziplin ließ er sich zunächst nicht zuordnen. In Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik ersetzte er die übliche philologische Methode durch philosophische Spekulation; das war ein Hauptgrund für die Ablehnung durch die Fachkollegen. In der ersten der Unzeitgemäßen Betrachtungen beschrieb er in polemischem Ton am Beispiel eines „Bildungsphilisters“ den Zustand der deutschen Bildung. Die Polemik blieb eine seiner Formen, bis hin zu Der Fall Wagner.

Einen ganz anderen Ton schlug er mit Also sprach Zarathustra an: pathetisch-lyrisch, so neu, dass selbst enge Freunde ratlos blieben. Seine Prosa, seine Gedichte und eben dieser Zarathustra-Ton verschafften ihm auch als Schriftsteller Anerkennung. Den Plan, als Dichter öffentlich hervorzutreten, gab er allerdings auf. Im Nebenwerk komponierte er auch Musik; Lou von Salomés Gedicht „Gebet an das Leben“ vertonte er als „Hymnus an das Leben“.

Inhaltlich kehren bestimmte Angriffsziele immer wieder: die christliche Moral sowie die christliche und platonistische Metaphysik. Nietzsche stellte den Wert der Wahrheit überhaupt in Frage. Die Kultur seiner Zeit hielt er für lebensschwächer als die des antiken Griechenlands. Seine Konzepte des „Übermenschen“, des „Willens zur Macht“ und der „ewigen Wiederkunft“ sind bis heute Anlass für Deutungen und Diskussionen.


Rezeption↑

Zu den einflussreichsten Philosophen der Moderne zählt Nietzsche heute. Zu Lebzeiten war das anders: Seine Bücher wurden so gut wie nicht gekauft, und er hatte mit Geldsorgen zu kämpfen. Jenseits von Gut und Böse musste er auf eigene Kosten drucken lassen. Mit den Zweitauflagen von 1886/87 sah er sein Werk als vorerst abgeschlossen an und hoffte auf eine Leserschaft. Das Interesse stieg tatsächlich, aber sehr langsam und von ihm selbst kaum bemerkt.

Die große Wirkung entfalteten seine Schriften erst nach dem Zusammenbruch von 1889, der selbst wesentlich zu seiner Bekanntheit beitrug. Noch während er als Pflegefall lebte, setzte eine erste Welle der Nietzsche-Rezeption ein. Den ab Anfang der 1890er Jahre einsetzenden Ruhm erlebte er nicht mehr bewusst.

Sein Denken prägte Philosophie, Literatur, Kunst, Psychologie sowie die Kultur- und Sozialwissenschaften nachhaltig bis in die Gegenwart. Es beeinflusste unter anderem Martin Heidegger, Karl Jaspers, Michel Foucault, Gilles Deleuze und Jacques Derrida. Auch Schriftsteller wie Thomas Mann, Hermann Hesse und Rainer Maria Rilke nahmen seine Gedanken auf, ebenso Künstler wie Richard Strauss und Edvard Munch. Zentral für diese Wirkung wurden die Kritik an Religion und Moral, die Diagnose des Nihilismus, der Perspektivismus und die Begriffe „Übermensch“ und „Wille zur Macht“. Mit seiner Frage nach dem Wert der Wahrheit gilt er als Wegbereiter postmoderner Ansätze.

Umstritten war Nietzsche von früh an. Seine Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche prägte die öffentliche Wahrnehmung seines Werks nachhaltig: durch das Nietzsche-Archiv und durch Eingriffe in die Herausgabe der Texte. Das Archiv hatte sie 1894 in Naumburg gegründet und 1896 nach Weimar verlegt. Gemeinsam mit Heinrich Köselitz stellte sie aus nachgelassenen Notizen die Sammlung Der Wille zur Macht zusammen (1901, erweitert 1906) und gab sie als sein Hauptwerk aus. In den 1930er Jahren suchte sie die Nähe zum Nationalsozialismus; Hitler besuchte das Archiv mehrfach. Im Nationalsozialismus wurden einzelne Begriffe und Gedanken selektiv ideologisch vereinnahmt. Erst die historisch-kritischen Editionen seit den 1960er Jahren schufen die Grundlage für eine wissenschaftlich fundierte Neubewertung seines philosophischen Werks.

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