Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
Autoreneintrag · Astrid Lindgren
Eingang · Autoren · Astrid Lindgren
Porträt Astrid Lindgren
Astrid Lindgren
1907 – 2002
– Autorenporträt –

Astrid Lindgren

1907 – 2002 · 94 Jahre

Astrid Lindgren, Schöpferin von „Pippi Langstrumpf“, zählt zu den bekanntesten Kinderbuchautorinnen der Welt und setzte sich zeitlebens für Kinderrechte und Tierschutz ein.

Kurzbiografie↑

Zu den bekanntesten Kinder- und Jugendbuchautoren der Welt zählt die Schwedin Astrid Lindgren, geboren 1907 auf dem Hof Näs bei Vimmerby, gestorben 2002. Sie ist die geistige Mutter von Pippi Langstrumpf, Michel aus Lönneberga, Ronja Räubertochter, Karlsson vom Dach und vielen anderen Figuren. Ihre Bücher wurden in über 100 Sprachen übersetzt und erreichten eine Gesamtauflage von über 160 Millionen Exemplaren, allein in Deutschland rund 20 Millionen. Neben dem Schreiben setzte sie sich zeitlebens für Kinderrechte und Tierschutz ein. 1978 erhielt sie als erste Kinderbuchautorin den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.


Biografie↑

Geboren wurde Astrid Anna Emilia Ericsson am 14. November 1907 als zweites Kind des Pfarrhofpächters Samuel August Ericsson und seiner Frau Hanna. Sie hatte einen älteren Bruder, Gunnar, und zwei jüngere Schwestern, Stina und Ingegerd. Ihre Kindheit hat sie stets als besonders glücklich beschrieben. 1914 wurde sie in Vimmerby eingeschult. Danach durfte sie eine weiterführende Schule besuchen, was damals für Kinder einfacher Leute ungewöhnlich war. Dort lernte sie vor allem Sprachen: Englisch, Französisch und Deutsch. 1923 schloss sie mit dem Realexamen ab.

Der Chefredakteur der Lokalzeitung Vimmerby Tidning bot ihr eine Stelle als Volontärin an. Dort lernte sie das Journalistenhandwerk. Mit achtzehn Jahren wurde sie schwanger; der Vater, der Chefredakteur der Zeitung Reinhold Blomberg, war deutlich älter und noch nicht geschieden. Eine Heirat kam nicht in Frage, seinen späteren Antrag lehnte sie ab. Astrid Ericsson verließ Näs und zog nach Stockholm, wo sie sich zur Sekretärin ausbilden ließ. Am 4. Dezember 1926 brachte sie ihren Sohn Lars, genannt Lasse, heimlich in Kopenhagen zur Welt. Für drei Jahre kam er dort bei einer Pflegefamilie unter.

1928 wurde sie Sekretärin im Königlichen Automobil-Club. Dort arbeitete ihr späterer Ehemann Sture Lindgren als Bürovorsteher. Er starb 1952 mit 53 Jahren, wodurch sie mit 44 zur Witwe wurde. 1930 holte sie Lasse zu sich nach Stockholm. Im folgenden Jahr beschlossen sie und Sture Lindgren zu heiraten und bezogen eine Wohnung im Vasaviertel. Am 21. Mai 1934 kam ihre Tochter Karin zur Welt, die später als Übersetzerin unter dem Namen Karin Nyman bekannt wurde.

Ab 1937 arbeitete Lindgren als Stenografin für den Kriminalistik-Professor Harry Söderman, ab 1940 in der Abteilung für Briefzensur des schwedischen Nachrichtendiensts. Am 1. September 1939, dem Tag des deutschen Überfalls auf Polen, begann sie ihre „Kriegstagebücher“ zu schreiben, die nach ihrem Tod unter dem Titel Die Menschheit hat den Verstand verloren veröffentlicht wurden.

Erste Weihnachtsgeschichten veröffentlichte sie bereits 1933. Ihr erstes Buch, Fem automobilturer i Sverige, erschien 1939; es war ein Reisebuch über fünf Autotouren durch Schweden. Eine erweiterte Fassung kam 1949 unter dem Titel 25 bilturer i Sverige heraus. Erst Mitte der 1940er Jahre wandte sie sich verstärkt der Schriftstellerei zu, eher zufällig, denn ursprünglich hatte sie das nie vorgehabt. Die Geschichten über Pippi Langstrumpf erfand sie ab dem Winter 1941 für ihre kranke Tochter Karin, die sich den Namen selbst ausgedacht hatte. Das Manuskript war ein Geburtstagsgeschenk. 1944 reichte sie es beim Verlag Albert Bonniers Förlag ein, wurde aber abgelehnt. Im selben Jahr gewann sie mit dem Briefroman Britt-Mari erleichtert ihr Herz den zweiten Platz in einem Wettbewerb des Verlags Rabén & Sjögren. Ein Jahr später reichte sie das überarbeitete Manuskript von Pippi Langstrumpf ein und gewann den ersten Preis.

1946 stellte der Verleger Hans Rabén sie halbtags als Lektorin ein. Sie baute die Kinderbuchabteilung auf und arbeitete dort bis zu ihrer Pensionierung 1970. Morgens schrieb sie noch im Bett an ihren eigenen Büchern, mittags kam sie in den Verlag. Im Herbst 1949 erschien Pippi Langstrumpf auch in Deutschland, nachdem sie den Hamburger Verleger Friedrich Oetinger kennengelernt hatte. Seitdem erscheinen ihre deutschen Ausgaben im Friedrich Oetinger Verlag. Oetinger brachte das Buch heraus, obwohl es damals sogar in Schweden umstritten war und zuvor von fünf deutschen Verlagen abgelehnt worden war. Sein Verlag wurde so zum Wegbereiter skandinavischer Kinderliteratur in der Bundesrepublik. Auch in der DDR erschienen vier ihrer Bücher im Kinderbuchverlag Berlin, darunter Mio, mein Mio und Ronja Räubertochter, wenngleich meist nur schlicht ausgestattet und in einer einzigen Auflage.

Ihr Ferienhaus auf Furusund bei Stockholm übernahm sie von ihren Schwiegereltern. Ab 1941 bis zu ihrem Tod wohnte sie in der Dalagatan 46 im Vasaviertel. 1965 erhielt sie den Schwedischen Staatspreis für Literatur und kaufte ihr Geburtshaus in Näs zurück. Politisch trat sie mehrfach hervor. Mit dem Buch Kati in Amerika wandte sie sich gegen die Rassentrennung in den USA. Sie verstand sich zeitlebens als Sozialdemokratin. 1976 schrieb sie aus Protest gegen eine Steuerungerechtigkeit das Märchen „Pomperipossa in Monismanien“. Ihr Protest wird zum Teil als eine wesentliche Ursache für die Abwahl der lange regierenden Partei gewertet. Ihrem Einfluss wird auch das schwedische Tierschutzgesetz von 1988 zugerechnet.

Astrid Lindgren starb am 28. Januar 2002 im Alter von 94 Jahren an den Folgen einer Virusinfektion. Als Sterbeort nennen die Quellen unterschiedliche Angaben: Die Deutsche Nationalbibliothek und Wikipedia geben Stockholm an, während Wikidata die dortige Gemeinde Gustav Vasa nennt. Ihre letzte Ruhestätte fand sie in ihrer Heimatstadt Vimmerby im südschwedischen Småland.


Literarische Merkmale↑

Kennzeichnend für Lindgrens Bücher ist ein wiederkehrender Kindertypus, den vor allem Pippi Langstrumpf verkörpert: das aktive, selbstbewusste, selbstbestimmte, kreative und gewitzte Kind. Schon Pippis Aufzug lässt sich als Parodie auf die Stereotype des damaligen Mädchen- oder Backfischbuches lesen. Ihr unkonventionelles Verhalten gefiel den jungen Lesern und Leserinnen; Pippi Langstrumpf wurde in mehr als 70 Sprachen übersetzt und ist damit ihr am weitesten verbreitetes Buch.

Ungewöhnlich war auch ihre Arbeitsweise. Lindgren brachte ihre Werke zunächst stenografisch zu Papier, sodass die Texte komplett auf Stenogrammblöcken vorlagen, bevor sie abgetippt wurden. Sie stenografierte im Bett oder im Sommer auf dem Balkon ihres Ferienhauses. Dabei änderte sie die einzelnen Sätze sehr häufig, bis sie mit der Sprachmelodie zufrieden war. Das Abtippen übernahm sie lange selbst; Korrekturen gab es während der Abschreibphase nicht mehr. Nach einer Augenoperation 1986 musste sie beim Stenografieren zu Filzstiften greifen, um ihre eigene Schrift lesen zu können.


Rezeption↑

Kaum eine andere Kinderbuchautorin ist so vielfach geehrt worden wie Astrid Lindgren. 1978 erhielt sie als erste Kinderbuchautorin den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und hielt in der Frankfurter Paulskirche ihre Rede „Niemals Gewalt!“, in der sie zur gewaltfreien Erziehung aufforderte. 1994 wurde ihr der Ehrenpreis des Right Livelihood Award, der sogenannte Alternative Nobelpreis, zugesprochen, 1996 die „Goldene Arche“ des Dachverbands europäischer Tierschutzvereine.

Nach ihrem Tod gelangte ihr umfangreiches Privatarchiv, darunter tausende Kinderbriefe aus aller Welt sowie Briefe von Autoren wie Otfried Preußler, James Krüss und Erich Kästner, in die Königliche Bibliothek in Stockholm. Das Astrid-Lindgren-Archiv ist heute Teil des Weltdokumentenerbes. Seit 2002 verleiht die schwedische Regierung jährlich den Astrid-Lindgren-Gedächtnis-Preis, der mit fünf Millionen schwedischen Kronen der höchstdotierte Preis für Kinder- und Jugendliteratur weltweit ist. Weitere Preise tragen ihren Namen, ebenso mehr als 150 Schulen und viele Straßen.

Ihr Werk lebt auch an vielen Orten und in vielen Medien fort. In Vimmerby werden im Themenpark Astrid Lindgrens Värld Szenen aus ihren Büchern nachgebaut; 2014 kamen fast eine halbe Million Besucher, rund ein Drittel davon aus Deutschland. Seit November 2015 kann ihre Wohnung in der Dalagatan 46 im Originalzustand besichtigt werden. Ihr Leben wurde mehrfach verfilmt, unter anderem in der Filmbiografie Astrid von Pernille Fischer Christensen aus dem Jahr 2018, die vor allem ihre erste Schwangerschaft und ihren Sohn Lasse in den Mittelpunkt stellt. Ihr Bildnis erscheint seit Oktober 2015 auf der schwedischen 20-Kronen-Banknote. Nach ihr benannt wurden zudem zwei Forschungssatelliten, ein Asteroid und eine Caldera auf der Venus.

Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →

Aus dem Werkverzeichnis↑

Im Lexikon

Weitere Werke (Auswahl)

Vollständiges Werkverzeichnis bei Wikipedia (102 weitere Titel)

meisterwerke-der-worte.de · Auszug aus dem Lexikon · Alle Rechte vorbehalten