Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
Autoreneintrag · Victor Hugo
Eingang · Autoren · Victor Hugo
Porträt Victor Hugo
Victor Hugo
1802 – 1885
– Autorenporträt –

Victor Hugo

1802 – 1885 · 83 Jahre

Victor Hugo war Kopf der französischen Romantik und zugleich politischer Streiter – bekannt wurde er vor allem durch seine Romane „Notre Dame de Paris“ und „Les Misérables“.

Kurzbiografie↑

Victor Hugo war ein französischer Schriftsteller und Politiker. Er wurde 1802 in Besançon geboren und starb 1885 in Paris. Er schrieb Gedichte, Romane und Dramen und trat auch als literarischer wie politischer Publizist hervor. Mehrfach saß er als Abgeordneter oder Senator in der Volksvertretung, zeitweise als Mitglied der Pairskammer. Er gilt als prägende Gestalt der französischen Literatur des 19. Jahrhunderts und als wichtigster Vertreter der französischen Romantik. Bekannt wurde er vor allem durch die Romane Notre Dame de Paris und Les Misérables.


Biografie↑

Als jüngster von drei Söhnen kam Hugo 1802 zur Welt. Der Vater war Joseph Léopold Sigisbert Hugo. Als Offizier unter Joseph Bonaparte, dem König von Spanien, stieg er zum General auf. 1810 verlieh ihm Joseph Bonaparte einen spanischen Grafentitel, der in Frankreich allerdings nicht rechtlich anerkannt war. Die Mutter war Sophie Trébuchet aus dem Bürgertum von Nantes. Die Kindheit der Brüder verlief unruhig: Der Vater war als hoher Militär häufig abwesend, und die Mutter ging eigene Wege. Sie hatte sich früh von ihrem Mann entfremdet und ein Verhältnis mit dem General Victor-Claude-Alexandre Fanneau de Lahorie begonnen. Lahorie wurde als Verschwörer verhaftet und 1812 hingerichtet.

Hugo wuchs überwiegend in Paris auf. Mit der Familie verbrachte er aber auch längere Zeit beim Vater in Neapel und in Madrid. Ab 1812, nach der Trennung der Eltern, lebte er mit seinem mittleren Bruder Eugène bei der Mutter in Paris. 1815 gab der Vater Victor und Eugène in ein Privatinternat, die Pension Cordier. Von dort besuchten sie das Lycée Louis-le-Grand.

Schon als Internatsschüler begann Hugo, Verse zu schreiben. 1816 notierte er in sein Tagebuch, er wolle „Chateaubriand sein oder nichts“. Mit fünfzehn erhielt er bei einem Dichtwettbewerb eine „ermutigende Erwähnung“. Mit sechzehn zog er wieder zur Mutter und begann ein Studium der Rechtswissenschaften. Eben siebzehnjährig gründete er 1819 mit beiden Brüdern die königstreue Zeitschrift Le Conservateur littéraire. Damals waren die Brüder unter dem Einfluss der Mutter überzeugte Royalisten. Im selben Jahr wurde Hugo in einem Dichtwettbewerb ausgezeichnet und knüpfte erste Beziehungen in Pariser Literatenkreisen. 1820 erhielt er eine Gratifikation für seine Ode sur la mort du duc de Berry.

Im selben Jahr druckte Le Conservateur littéraire sein erstes erzählendes Werk Bug-Jargal. Es spielt während des Sklavenaufstands von 1791 auf Saint-Domingue. Mit diesem Aufstand begann die Revolution, die Haiti 1804 die Unabhängigkeit von Frankreich brachte. Bald darauf erschien sein erster Gedichtband Odes et poésies diverses. Er wies Hugo erneut als Royalisten aus und brachte ihm eine königliche Pension von 1.000 Francs jährlich ein. Nach dem Tod der Mutter 1821 und der Wiederverheiratung des Vaters heiratete Hugo 1822 die neunzehnjährige Adèle Foucher. Sie war eine Freundin aus Kindertagen. Die beiden hatten sich gegen den Willen seiner Mutter heimlich verlobt. Ein erstes Kind starb 1823 kurz nach der Geburt. Vier weitere folgten: Léopoldine, Charles, François-Victor und Adèle, von denen nur die Letztgeborene den Vater überlebte.

1823 kam Hugos erster Roman heraus, die Schauergeschichte Han d’Islande. Er trug ihm eine weitere Pension von 2.000 Francs ein. Eine Kritik von Charles Nodier zu dem Roman führte zur Freundschaft der beiden. In Nodiers Salon in der Bibliothèque de l'Arsenal trafen sich die jungen Romantiker. 1824 folgte der Sammelband Nouvelles Odes. Im April 1825 wurde er zum Ritter der Ehrenlegion ernannt. Im Mai desselben Jahres war er Gast bei der Krönung Karls X. in der Kathedrale von Reims. Bald danach jedoch änderte er unter dem Einfluss seiner neuen Romantiker-Freunde die politische Haltung. Aus einem Royalisten wurde ein oppositioneller Liberaler. 1826 erschien Bug-Jargal in Buchform, zum Roman verlängert.

Sein erstes Stück, das Versdrama Cromwell, erschien 1827. Es galt mit über 6.000 Versen als unspielbar. Das Vorwort, die berühmte Préface de Cromwell, wurde dagegen zum Manifest des neuen romantischen Theaters und der romantischen Schule überhaupt. Deren unbestrittener Kopf war Hugo inzwischen. Im Kreis des Cénacle versammelte er sie um sich. 1829 veröffentlichte er Le dernier jour d’un condamné à mort. Es war ein Plädoyer gegen die Todesstrafe. Im selben Jahr entstanden die melodramatischen historischen Stücke Marion Delorme und Hernani. Marion Delorme wurde vor der Aufführung als regimekritisch verboten. Die Uraufführung von Hernani am 25. Februar 1830 ging als bataille d’Hernani in die Literaturgeschichte ein. Im Publikum trugen Anhänger des klassizistischen Regeltheaters und Verfechter des neuen romantischen Theaters lautstark ihren Streit aus. Privat ging es Hugo weniger gut. Seine Frau Adèle hatte von 1830 bis 1837 ein Verhältnis mit seinem Freund, dem Kritiker Charles-Augustin Sainte-Beuve.

1831 erschien eines seiner erfolgreichsten Werke: der Roman Notre Dame de Paris, der im Jahr 1482 spielt. Figuren und Handlungsstränge gruppieren sich um die Kathedrale und entwerfen ein Bild des spätmittelalterlichen Paris. Auf Deutsch ist er meist als Der Glöckner von Notre-Dame bekannt. In den folgenden Jahren schrieb Hugo hauptsächlich historische Stücke. Das erste, Le roi s’amuse von 1832, wurde nach der ersten Aufführung verboten. Es folgten Lucrèce Borgia und Marie Tudor 1833, Angelo 1835 und Ruy Blas 1838. Ab 1837 näherte sich Hugo dem Regime des „Bürgerkönigs“ Louis-Philippe an und wurde ein Vertrauter des Thronfolgers. Daneben gab er von Zeit zu Zeit Gedichtsammlungen heraus: Les Chants du crépuscule 1835, Les voix intérieures 1837, Les rayons et les ombres 1840.

1838, 1839 und 1840 unternahm Hugo drei Reisen an den Rhein. Seine Briefe und Notizen erschienen 1842 als Der Rhein. Briefe an einen Freund, 1845 erweitert. Das Werk enthält auch einen politischen Teil. Die Idee eines vereinten Europas, mit dem Rhein als Bindeglied zwischen Frankreich und Deutschland, vertrat Hugo später immer wieder. Anfang 1833 hatte er die Schauspielerin Juliette Drouet kennengelernt. Mit ihr blieb er bis zu ihrem Tod 1883 verbunden. 1841 wurde er nach mehreren Anläufen in die Académie française gewählt. 1843 jedoch fiel sein Drama Les Burgraves durch. Schwerer traf ihn im selben Jahr der Tod seiner jungverheirateten Lieblingstochter Léopoldine. Sie ertrank mit ihrem Mann Charles Vacquerie bei einem Bootsunglück auf der Seine bei Villequier. Danach veröffentlichte Hugo fast zehn Jahre lang kein neues Werk.

1845 ernannte Louis-Philippe ihn zum Pair de France. Damit war er Mitglied der Pairskammer auf Lebenszeit. Den Titel Vicomte hatte Hugo sich selbst beigelegt. Dieses Oberhaus wurde nach der Februarrevolution 1848 abgeschafft. 1845 begann er einen Roman über das Pariser Elend, der an die Romane der Großstadt-Unterwelt von Eugène Sue anknüpfte. Fertig wurde er damit erst 1862, als Les Misérables. Nach der Februarrevolution 1848 wurde Hugo Bürgermeister des 8. Pariser Arrondissements. Im Juni wählte man ihn in die Nationalversammlung, wo er bei den Konservativen der „Partei der Ordnung“ saß. Seine Zeitung L'Événement unterstützte die Präsidentschaftskandidatur von Louis-Napoléon Bonaparte. Bald brach Hugo jedoch mit der Rechten, deren Gesetze gegen Wahlrecht und Pressefreiheit er bekämpfte.

Am 2. Dezember 1851 riss Bonaparte durch einen Staatsstreich die ganze Macht an sich. Hugo versuchte vergeblich, Widerstand zu organisieren, und floh nach Brüssel. Im Januar 1852 wurde er aus Frankreich verbannt. In Brüssel schrieb er die Streitschrift Napoléon le Petit (1852). Bonaparte ließ sich Ende 1852 als Napoléon III. zum Kaiser ausrufen. Er ließ sich auf den britischen Kanalinseln nieder: von 1852 bis 1855 auf Jersey, dann bis 1870 auf Guernsey. Dort lebte er in Saint Peter Port im Hauteville House. 1862 erschien mit großem Erfolg Les Misérables, ein monumentaler melodramatischer Roman um den entsprungenen Galeerensträfling Jean Valjean. Er lenkte den Blick auf das Elend der Armen in Paris. Daneben kamen immer wieder Gedichtsammlungen heraus, mit hohem Anteil politisch und sozial engagierter Texte: Châtiments 1853, Contemplations 1856, La Légende des siècles 1859 und Chansons des rues et des bois 1865. 1866 folgte Les travailleurs de la mer, ein Roman, der auf Guernsey spielt. 1869 erschien L’Homme qui rit. 1874 kam der historische Roman Quatre-vingt-treize über den politischen Terror des Schreckensjahres 1793.

Nach dem Sturz Napoleons III. kehrte Hugo aus dem Exil zurück. Im Januar 1876 wurde er in den neu geschaffenen Senat gewählt. Nach einem leichten Schlaganfall im Juni 1878 ließ seine Schaffenskraft nach. Zu seinem 80. Lebensjahr wurde er 1881 mit großen Feiern geehrt. Er setzte sich für das Urheberrecht ein und war Gründungsmitglied der Association Littéraire et Artistique Internationale. Aus ihrer Arbeit ging die Berner Übereinkunft zum Schutz von Werken der Literatur und Kunst hervor. 1882 gehörte er zu den Gründern der Société française contre la vivisection. Hugo starb am 22. Mai 1885. Ein Staatsbegräbnis wurde beschlossen; dafür wurde die Kirche Sainte-Geneviève wieder zum weltlichen Pantheon. Am 1. Juni 1885 wurde Hugo dort in der Krypta beigesetzt; mehr als zwei Millionen Menschen nahmen am Trauerzug teil. Seine Tagebücher Choses vues führte er von 1830 bis in sein Todesjahr. Sie erschienen 1887 aus dem Nachlass.


Literarische Merkmale↑

Hugo arbeitete in nahezu allen literarischen Formen. Sein Werk umfasst neben zahlreichen Gedichtsammlungen neun Romane, viele Dramen und zahlreiche kleinere Schriften. Das Spektrum reicht von der Schauergeschichte über das historische Versdrama bis zum monumentalen Gesellschaftsroman; dazu kommen Reisebeschreibungen, Polemiken, Reden und Aufzeichnungen.

Mit dem Vorwort zu Cromwell schrieb er das Programm des romantischen Theaters nieder. Er berief sich darin auf Shakespeare, stellte das Groteske gleichberechtigt neben das Erhabene und löste sich von den Regeln des Klassizismus. Die Spannung zwischen diesen Gegensätzen prägt sein ganzes Werk.

Kennzeichnend sind die großen, melodramatisch zugespitzten Handlungsbögen. Notre Dame de Paris gruppiert Figuren und Erzählstränge um die Kathedrale und zeichnet dabei ein Bild des spätmittelalterlichen Paris. Les Misérables verbindet eine spannende Geschichte um einen entsprungenen Galeerensträfling mit dem Blick auf das Elend der Arbeitermassen. Les travailleurs de la mer schildert das harte Leben der Küstenfischer. Immer wieder dient die Erzählung einem Anliegen: Schon Le dernier jour d’un condamné à mort war ein Plädoyer gegen die Todesstrafe.

Nach 1849 wurde sein Schreiben stärker politisch. Lebenslang kämpfte er gegen die Todesstrafe; er trat für das allgemeine Wahlrecht und die Pressefreiheit ein. Neben dem Geschriebenen hinterließ Hugo ein zeichnerisches Werk von rund 4.000 Blättern. Er arbeitete mit Feder, Tusche, Lavis, Kohle und sogar mit Schablonen.


Rezeption↑

Zu Lebzeiten wurde Hugo zur Leitfigur der französischen Romantik. Der Streit um die Uraufführung von Hernani ging als bataille d’Hernani in die Literaturgeschichte ein. 1841 nahm ihn die Académie française auf, 1845 ernannte ihn der König zum Pair. Nicht alle Resonanz war freundlich. Die katholische Kirche setzte Notre Dame de Paris 1834 und Les Misérables 1864 auf den Index der verbotenen Bücher. Einzelne Stücke wurden von der Zensur verboten. Sein Begräbnis im Pantheon machte ihn endgültig zur nationalen Gestalt.

Im deutschen Sprachraum setzte die Aufnahme früh ein. Ab 1835 erschien bei Johann David Sauerländer in Frankfurt eine deutsche Gesamtausgabe. Zu den Übersetzern zählten Georg Büchner und Ferdinand Freiligrath. Büchner übertrug die Dramen Lucretia Borgia und Maria Tudor. Freiligrath übersetzte die Oden und die Dämmerungsgesänge.

Bis heute ist Les Misérables sein bekanntestes Werk. Seine Stoffe leben vor allem in Bearbeitungen weiter. Zahlreiche Opern gehen auf seine Dramen zurück, unter ihnen Verdis Rigoletto nach Le roi s’amuse. Allein von Les Misérables gibt es Dutzende Verfilmungen; das Musical von Alain Boublil und Claude-Michel Schönberg wurde 1980 uraufgeführt. Auch Notre Dame de Paris wurde vielfach verfilmt und zum Musical umgeformt.

Sein Nachleben hat zudem Orte und Bilder. Drei Museen widmen sich ihm: das Maison de Victor Hugo in Paris, das Hauteville House auf Guernsey und das Musée Victor-Hugo in Villequier. Das Museum in Villequier erinnert besonders an seine Tochter Léopoldine. In den Candie Gardens in Saint Peter Port steht eine Statue von Jean Boucher. Um 1960 brachte die Banque de France zur Einführung des Neuen Franc einen Schein zu 5 Nouveaux Francs mit seinem Bild heraus. Seine Zeichnungen beschäftigten später auch Künstler wie Günter Brus und Arnulf Rainer. Die Neue Galerie Graz zeigte 2017/18 Hugo und Brus in einer gemeinsamen Ausstellung.

Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →

Aus dem Werkverzeichnis↑

Im Lexikon

Weitere Werke (Auswahl)

Vollständiges Werkverzeichnis bei Wikipedia (37 weitere Titel)

meisterwerke-der-worte.de · Auszug aus dem Lexikon · Alle Rechte vorbehalten