Homer
Kurzbiografie↑
Als früher Dichter des Abendlandes gilt traditionell Homer. Ihm schreibt die Nachwelt die beiden Epen Ilias und Odyssee zu. Über seine Person ist kaum etwas gesichert. Weder sein Geburtsort noch die Daten von Geburt und Tod sind zweifelsfrei bekannt. Es ist nicht einmal sicher, dass es ihn überhaupt gegeben hat. Falls er lebte, wirkte er nach heute überwiegender Annahme der Forschung in der zweiten Hälfte des 8. oder der ersten Hälfte des 7. Jahrhunderts v. Chr. Schon in der Antike galt er als der Dichter schlechthin. Seine Wirkung reicht ungebrochen bis in die Gegenwart.
Biografie↑
Wenig an Homers Leben lässt sich mit Sicherheit sagen. Vieles, was überliefert ist, trägt den Charakter der Legende. Schon in der Antike wurde über seine Herkunft gestritten. Gleich mehrere Orte beanspruchten, sein Geburtsort zu sein: Smyrna, Athen, Ithaka, Pylos, Kolophon, Argos und Chios. Einer Legende zufolge wurde er am Fluss Meles geboren. Ursprünglich hieß er demnach Melesigenes, „Der vom Meles Herstammende“.
Über den Vater herrscht Unklarheit. Antike Lebensbeschreibungen nennen die Mutter Kreitheïs. Woher der Name „Homer“ (altgriechisch Hómēros) stammt, ist unbekannt. Schon in der Antike brachte man ihn mit dem Wort für „Geisel“ in Verbindung. Genannt wurde außerdem eine Wendung für „der nicht Sehende“, weil der Dichter als blind galt. Häufig wurde er als blinder, armer Wandersänger dargestellt. Dieses Bild geht unter anderem auf den unter seinem Namen verfassten Apollon-Hymnus zurück. Dieser Hymnus stammt aber höchstwahrscheinlich nicht von ihm. Gegen diese Vorstellung spricht, dass seine Epen genaue Kenntnisse der oberen aristokratischen Schichten verraten. Über solche Kenntnisse hätte ein armer Wandersänger nicht verfügt. Die Epen wurden ursprünglich mündlich vor adligem Publikum vorgetragen. Die Sänger, die Aoiden, lebten zeitweise im Haus der Adligen. So ist es denkbar, dass Homer mit deren Lebensart vertraut war und selbst diesem Stand nahestand. Einige Forscher vermuten in den Epen autobiografische Spuren.
Umstritten ist bis heute die Frage, wann er gelebt hat. Herodot schätzte, Homer müsse rund 400 Jahre vor ihm gewirkt haben. Das entspräche etwa der Zeit um 850 v. Chr. Andere antike Quellen rückten ihn in die Nähe des Trojanischen Krieges, der traditionell um 1200 v. Chr. angesetzt wird. Heute geht die Forschung überwiegend von der zweiten Hälfte des 8. oder der ersten Hälfte des 7. Jahrhunderts v. Chr. aus. Für die Datierung der Epen werden mehrere Anhaltspunkte herangezogen. Die Alphabetschrift kam in Griechenland im 8. Jahrhundert v. Chr. wieder auf, sodass die Werke kaum früher aufgeschrieben worden sein können. Der „Nestorbecher“ von Ischia aus dem 8. Jahrhundert v. Chr. trägt eine der ältesten griechischen Inschriften und spielt auf den Becher des Nestor an, den die Ilias beschreibt. Viele Forscher setzen die Entstehung im 8. Jahrhundert an. Andere, darunter Martin Litchfield West, nehmen einen späteren Zeitpunkt im 7. Jahrhundert an; West sieht in der Ilias Spuren der Plünderung des ägyptischen Theben 664/663 v. Chr.
Eng damit verbunden ist die sogenannte Homerische Frage, der Streit um die Urheberschaft. Dabei geht es darum, ob Homer wirklich Verfasser nur der Ilias oder beider Epen war. Möglich ist auch, dass unter seinem Namen mehrere Dichter zusammengefasst wurden, die ältere, mündlich überlieferte Sagen verschriftlicht haben. Auch die Datierung gehört hierher. Die Odyssee ist deutlich jünger, und so stellt sich die Frage, ob sie überhaupt noch zu Lebzeiten des Ilias-Verfassers entstehen konnte. Teils wird die Ilias als Jugend- und die Odyssee als Alterswerk gedeutet. Ob beide Epen vom selben Dichter stammen, ist bis heute umstritten; die antiken Autoren nahmen es an. Daneben wurden ihm in der Antike weitere Werke zugeschrieben, etwa die Homerischen Hymnen, 33 Preislieder auf griechische Götter. Deren Urheberschaft ist jedoch umstritten.
Literarische Merkmale↑
Beide Epen sind im ionischen Dialekt des Altgriechischen verfasst. Das deutet auf eine Herkunft aus dem griechischen Kleinasien hin. Die Grundsprache ist das Ionische der früharchaischen Zeit, durchsetzt mit Elementen des äolischen Dialekts und mit Überlieferungen aus älterer Tradition. Die Verse wurden ursprünglich aus dem Gedächtnis mündlich vorgetragen, im Sinne der sogenannten Oral Poetry. Deshalb kehren viele Formulierungen regelmäßig wieder: feste Beiwörter, sogenannte Epitheta, und ganze Verse, die als Formelverse immer wieder erscheinen. Diese Wiederholungen sind kein Mangel. Sie sind Kennzeichen einer Dichtung, die für den gesprochenen Vortrag geschaffen war.
Bis in die hellenistische Zeit gab es verschiedene Textfassungen. Erste Versuche, einen festen Text herzustellen, reichen bis in die Zeit des athenischen Tyrannen Peisistratos zurück. Die Einteilung in je 24 „Gesänge“ schreiben die meisten Forscher den Gelehrten im hellenistischen Alexandria zu.
Rezeption↑
Unermesslich und bis heute andauernd ist Homers Wirkung. Schon im griechischen Kulturleben war er allgegenwärtig – in der bildenden Kunst, in der Philosophie und in der Literatur. Selbst als seine Sprache bereits archaisch und schwer verständlich wirkte, blieben Rezitationen aus seinen Werken bei Festspielen beliebt. Ihn zu verstehen, wurde zur Aufgabe der Bildung, der paideía. Den politisch zersplitterten griechischen Stämmen dienten seine Epen dazu, ein gemeingriechisches Selbstverständnis zu gewinnen. Über Jahrhunderte wurden Münzen mit seinem Bild geprägt.
Von den Römern wurde diese Hochschätzung übernommen. Die Odusia, die Übertragung der Odyssee ins Altlateinische durch Livius Andronicus, gehört zu den frühesten Zeugnissen einer lateinischen Literatursprache. Schon zu republikanischen Zeiten war sie Schullektüre im Adel. Vergils Äneis lässt sich auch als Versuch verstehen, den Römern eine Herkunftssage zu geben, wie sie die Griechen in Homers Epen besaßen. Im Mittelalter ging die Kenntnis des Griechischen im Westen stark zurück, und mit ihr die Kenntnis Homers. Geläufiger waren die lateinischen Epiker Vergil und Lucan. Erst ab 1360 übersetzte Leontius Pilatus Ilias und Odyssee ins Lateinische, angeregt von Petrarca und Boccaccio. In Dantes Göttlicher Komödie heißt Homer der „höchste Dichter“.
Mit der Flucht griechischer Gelehrter aus dem 1453 eroberten Konstantinopel kehrte die Kenntnis Homers in den Westen zurück und beeinflusste die Renaissance. Die gedruckte Erstausgabe besorgte 1488 in Florenz Demetrios Chalkondyles. In Deutschland spielte Homer eine große Rolle für den „Volks-“ und „Natur“-Begriff der literarischen Klassik und Romantik, ausgehend von den Übersetzungen Johann Heinrich Voß' (Odyssee 1781, Ilias 1793). In den Epen sah man einen Beweis, dass das Volk eine eigene, authentische Stimme habe. In diesen Zusammenhang gehörte auch die Homerische Frage, die Friedrich August Wolf 1795 mit seinen Prolegomena ad Homerum neu aufwarf. Sprach man Homer die Autorschaft ab, ließen sich die Epen als anonymes Werk des Volkes deuten, ähnlich dem Nibelungenlied. Homerische Stoffe sind in Literatur und bildender Kunst Europas bis heute gegenwärtig. In der gehobenen Sprache leben viele Redewendungen und „geflügelte Worte“ fort. Zeitgenössische Bearbeitungen schufen unter anderem Wolfgang Hildesheimer mit Das Opfer Helena, der Nobelpreisträger Derek Walcott mit Omeros und Botho Strauß mit Ithaka.
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