1846 – 1935
Elisabeth Förster-Nietzsche
Kurzbiografie↑
Als Schwester des Philosophen Friedrich Nietzsche wurde Elisabeth Förster-Nietzsche nach dessen Zusammenbruch zur alleinigen Verwalterin seines Nachlasses. Sie gründete und leitete das Weimarer Nietzsche-Archiv und nahm in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts erheblichen Einfluss darauf, wie Nietzsche in Deutschland gelesen wurde. Ihrem jahrzehntelangen Sammeleifer ist zu verdanken, dass zu Nietzsches Biographie heute besonders reichhaltige Materialien vorliegen. Zugleich griff sie in Briefe und Schriften ihres Bruders ein; nach dem Zweiten Weltkrieg wurden diese Fälschungen bekannt. Aus dem Nachlass stellte sie das Buch Der Wille zur Macht zusammen und gab es als Hauptwerk ihres Bruders aus. Darin wird oft eine Ursache dafür gesehen, dass Nietzsche von Faschisten und Nationalsozialisten vereinnahmt werden konnte. Seit der Nietzsche-Ausgabe Karl Schlechtas von 1954 bis 1956 wird sie in der Literatur über Nietzsche sehr negativ dargestellt.
Biografie↑
Elisabeth Nietzsche kam am 10. Juli 1846 im Dorf Röcken bei Lützen zur Welt; ab 1850 wuchs sie in Naumburg auf. Getauft wurde sie als Therese Elisabeth Alexandra. Der Vater Carl Ludwig Nietzsche war Pfarrer und starb 1849; die Mutter Franziska stammte aus einem Pfarrhaus und lebte bis 1897. Ihr Bruder Friedrich war zwei Jahre älter. Laut der Neuen Deutschen Biographie erhielt sie eine sorgfältige Erziehung im Elternhaus, in der Schule in Naumburg und in einem Dresdner Pensionat.
Nach dem Tod des Vaters waren Mutter und Schwester die engsten Bezugspersonen Friedrich Nietzsches. Das Verhältnis der Geschwister war lange innig, wenn auch von wiederholtem Streit und ebenso wiederholter Versöhnung begleitet. Zeitweilig führte Elisabeth ihrem unverheirateten Bruder den Haushalt; er gab ihr den Spitznamen „das Lama“. In den 1880er Jahren verschlechterte sich das Verhältnis deutlich. Ein Grund war ihre Bindung an Bernhard Förster, einen deutschnationalen Gymnasiallehrer, der wegen rabiater antisemitischer Agitation vom Schuldienst suspendiert worden war. Friedrich Nietzsche lehnte ihn vor allem als Antisemiten ab. Geheiratet wurde am 22. Mai 1885 in Naumburg; der Termin fiel auf den Geburtstag Richard Wagners.
1886 reiste sie mit Förster und einer Gruppe von Siedlern nach Paraguay, wo sie die Kolonie Nueva Germania gründeten. Sie lebte noch dort, als ihr Bruder 1889 in Turin zusammenbrach. Kurz vor dem Zusammenbruch hatte er sich in Briefen und in Ecce homo äußerst abfällig über sie geäußert: Die Behandlung durch Mutter und Schwester flöße ihm „ein unsägliches Grauen“ ein. Viele frühere Briefe zeigen dagegen Liebe, Sorge und Zuneigung. Das wechselhafte Verhältnis wird daher bis heute unterschiedlich beurteilt. Recht einheitlich heißt es, Elisabeth habe ihren Bruder bedingungslos bewundert, von seiner Philosophie aber wenig gewusst.
Nachdem Förster sich nach dem Scheitern seines Projekts das Leben genommen hatte, kehrte die Witwe 1893 nach Deutschland zurück. Sie musste sich eine eigene Existenz aufbauen und begann, sich die Kontrolle über das Werk und die Verlagsrechte ihres unheilbar erkrankten Bruders zu sichern. Vollständig gelang das erst 1897 nach dem Tod der Mutter. 1895 erhielt sie die amtliche Genehmigung, den Doppelnamen „Förster-Nietzsche“ zu führen. Das von ihr gegründete Nietzsche-Archiv war zunächst in Naumburg untergebracht, ab 1896 in Weimar und ab 1897 in der „Villa Silberblick“, die Meta von Salis gekauft und ihr zur Verfügung gestellt hatte. Im oberen Stockwerk dieses Hauses lebte der umnachtete Philosoph bis zu seinem Tod im Jahr 1900.
Als alleinige Besitzerin des Archivs zog sie fachkundige Helfer heran. Rudolf Steiner, der Erfahrung aus dem Goethe-Archiv mitbrachte, ordnete 1896 auf ihre Bitte Nietzsches Bibliothek, lehnte eine feste Mitarbeit aber ab. Mitarbeiter wurde Heinrich Köselitz, bekannt als Peter Gast. Er war über viele Jahre Nietzsches Sekretär gewesen und konnte dessen Handschrift entziffern. Keiner der Mitarbeiter hatte freien Zugang zum gesamten Archiv. Nachgewiesen wurden ihre später berüchtigten Fälschungen erst nach ihrem Tod. Sie betrafen meist Äußerungen ihres Bruders über sie in Briefen. Sie sollten ihr, einer Frau ohne akademische Ausbildung, die Leitung des Archivs legitimieren.
Als Archivleiterin hatte sie zahlreiche Zwistigkeiten mit Mitarbeitern, Verlegern und dem ihr misstrauenden Nietzsche-Freund Franz Overbeck. Gleichwohl fand sie angesehene Unterstützer, etwa Harry Graf Kessler und den Stockholmer Bankier Ernest Thiel. Für die repräsentative Umgestaltung der Villa Silberblick gewann sie den belgischen Architekten Henry van de Velde. Das Haus wurde zu einer Pilgerstätte für Verehrer des Philosophen.
Ihre Arbeit galt der Herausgabe der Werke des rasch berühmt gewordenen Bruders. Dazu kamen die Erschließung der nachgelassenen Papiere und besonders der Erwerb seiner Briefe an Freunde und Bekannte. Sie schrieb auch selbst eine mehrbändige Nietzsche-Biographie. Das Leben Friedrich Nietzsches erschien 1895, eine kleine Ausgabe 1925. 1915 erschien Wagner und Nietzsche zur Zeit ihrer Freundschaft. Besonders zur Last gelegt wird ihr bis heute Der Wille zur Macht. Diese Zusammenstellung aus dem Nachlass entstand unter Mitarbeit von Peter Gast. Sie wurde als Nietzsches Hauptwerk ausgegeben, zunächst 1901, in stark erweiterter Fassung 1906.
Kritik gab es von Anfang an. Sie wehrte sich mit zahlreichen Gerichtsprozessen, etwa gegen Carl Albrecht Bernoulli, und 1907 mit der Schrift Das Nietzsche-Archiv, seine Freunde und seine Feinde. Renommierte Philosophen wie Hans Vaihinger, Alois Riehl und Bruno Bauch setzten sich für Nietzsche und für das Archiv ein, trotz ihrer Umstrittenheit auch für sie selbst. Einige schlugen sie wegen ihrer Verdienste um das Lebenswerk ihres Bruders für den Literatur-Nobelpreis vor. 1921 verlieh ihr die Universität Jena zu ihrem 75. Geburtstag den Titel „Dr. phil. h.c.“.
Im Archiv arbeiteten ihre drei Vettern Adalbert, Richard und Max Oehler. Mit der aufsteigenden NSDAP konnte sie sich auch unter deren Einfluss leicht arrangieren. Bewundert hat sie vor allem Benito Mussolini. Zumindest 1932 soll sie sich noch als „deutschnational“ von den Nationalsozialisten abgegrenzt haben. In den Jahren 1932 bis 1934 empfing sie Adolf Hitler mehrfach im Nietzsche-Archiv. Kerstin Decker hält in ihrer Biografie fest, dass sie Hitler sogar den Spazierstock ihres Bruders schenkte. Elisabeth Förster-Nietzsche starb am 8. November 1935 in Weimar. Die Archivleitung übernahm ihr Vetter Max Oehler.
Literarische Merkmale↑
Schreiben war für Elisabeth Förster-Nietzsche kein eigenständiges literarisches Vorhaben, sondern Mittel zu einem Zweck. Ihr Lebensziel sah sie laut der Neuen Deutschen Biographie in der Verbreitung der Philosophie Nietzsches und in der Veröffentlichung seines schriftstellerischen Erbes. Entsprechend gehören ihre eigenen Bücher zur Lebensbeschreibung und zur Verteidigung. Dazu zählen die mehrbändige Biographie ihres Bruders, die Darstellung seiner Freundschaft mit Richard Wagner und die Streitschrift gegen die Kritiker des Archivs.
Kennzeichnend für ihre Arbeitsweise ist, dass sie Herausgeberschaft und Deutung nicht trennte. Aus unveröffentlichten Aufzeichnungen fügte sie ein Buch zusammen und erklärte es zum Hauptwerk. Briefstellen, die ihr nicht passten, änderte sie; wichtige Originalbriefe vernichtete sie, was der wissenschaftlichen Forschung nach dem Urteil der Neuen Deutschen Biographie die objektive Wahrheitsfindung unmöglich machte. Fast vierzig Jahre lang verwaltete sie den Nachlass autokratisch.
Dem entspricht ein zweites Merkmal: fachliche Unsicherheit bei großem Selbstbewusstsein. Eine akademische Ausbildung hatte sie nicht, von der Philosophie ihres Bruders verstand sie nach verbreiteter Einschätzung wenig, und sie ließ sich darüber von Rudolf Steiner privat unterrichten. Heinrich Rickert brachte das in Vorlesungen auf die Formel, „dass man Schwester eines Philosophen sein kann, ohne etwas von Philosophie zu verstehen“. Die Neue Deutsche Biographie urteilt, sie sei von einer Aufgabe besessen gewesen, zu der sie wissenschaftlich nicht befähigt war.
Rezeption↑
Angriffen war Elisabeth Förster-Nietzsche schon zu Lebzeiten ausgesetzt, und sie und ihr Archiv wurden von Anfang an kritisiert. Gleichzeitig gab es eine tragfähige Schicht national und völkisch gesinnter Bildungsbürger, die den von ihr begründeten Nietzsche-Kult ungeachtet ihrer Vergangenheit als Ehefrau Bernhard Försters zelebrierte. Erich F. Podach begann 1930 mit kritischen biographischen Untersuchungen, die den von ihr errichteten Nietzsche-Mythos nachhaltig zersetzten.
Nach ihrem Tod 1935 blieb eine kritische Nietzscheforschung wegen des geistigen Klimas im Nationalsozialismus und dann wegen des Krieges in den Anfängen stecken. Erst die Ausgabe Karl Schlechtas von 1959 machte ihre Eingriffe, Fälschungen und Zerstörungen an Werk, Briefen und Nachlass einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Seither wird sie in vielen Veröffentlichungen über Nietzsche und die Nietzsche-Rezeption sehr negativ dargestellt.
Im Jahr darauf wandte sich Podach gegen eine nun oft übertriebene Schuldzuweisung; er sprach von der neuesten Legende. Den früheren Unterstützern und Mitarbeitern des Archivs warf er vor, damit vom eigenen Versagen und mitunter von aktiver Mithilfe an der Verfälschung Nietzsches abzulenken. Ernst Nolte bescheinigte ihr 1990 „ganz überragend[e]“ Verdienste um Nietzsches Werk. David Marc Hoffmann gestand dies 1991 nur für die Sammlung der Papiere zu und erneuerte Podachs Mahnung. Klaus Goch schrieb 1998, man stelle sie gern als das „Sündenlama“ hin. Es habe die Schuld am ganzen Elend einer fehlgelaufenen Nietzsche-Rezeption allein zu tragen. Goch wollte ein „kritisch-angemessenes Porträt“ zeichnen, das Stärken und Schwächen, Leistungen und Versagen anschaulich macht. Sein biographisches Porträt erschien in dem von Luise F. Pusch herausgegebenen Band Schwestern berühmter Männer.
Die Frauenrechtlerin Helene Stöcker bemühte sich um ein differenziertes Bild. Sie sah Förster-Nietzsche kritisch. Hinter dem vehementen Unmut vermutete sie aber auch den Ärger darüber, dass einem Menschen weiblichen Geschlechtes das Recht zu Entscheidungen zugefallen war. Kerstin Decker zeigt sie nach genauem Quellenstudium vor allem als Strategin mit eigenen Zielen. Briefe und Handschriften ihres Bruders habe sie aufgespürt, teils unter Druck angekauft, gesichert und gesichtet. Niemand anders hätte das leisten können. Zugleich hält Decker die unbestreitbare Nähe zu Hitler fest. In der neueren Debatte erinnern Domenico Losurdo und Kurt Flasch daran, dass sich Nietzsches extreme Aussagen nicht auf die Schwester zurückführen lassen. Sie stehen in den zu Lebzeiten veröffentlichten Büchern. Christian Niemeyer sah darin eine Tendenz zur Rehabilitierung und setzte ihr eine Rückerinnerung an die Fälschungen entgegen.
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