940 – 1020
Abū'l-Qāsim Firdausī
Kurzbiografie↑
Als Schöpfer des persischen Nationalepos zählt Firdausi zu den großen Dichtern des Mittelalters. Geboren wurde er um 940 im Bezirk Tus im heutigen Iran, gestorben ist er um 1020 oder um 1025 ebendort. Sein Hauptwerk ist das Schāhnāme (deutsch „Buch der Könige“), nach traditioneller Angabe rund 60.000 Doppelverse lang. Es gilt bis heute als Denkmal der persischsprachigen Welt. Sein Beiname „Firdausī“ bedeutet „der Paradiesische“. Einer Vermutung nach erhielt er ihn von Mahmud von Ghazni. Er gehörte zu den frühen Vertretern der neupersischen Literatursprache. Diese hatte sich im 9. und 10. Jahrhundert vor allem unter den Samaniden entfaltet.
Biografie↑
Über die Herkunft und das Leben Firdausis ist wenig Gesichertes bekannt. Bekannt sind seine Kunya Abu'l-Qāsim („Vater des Qāsim“) und sein Künstlername „Firdausī“. Zu seinem eigentlichen Namen oder seiner Familie liegen dagegen kaum verlässliche Angaben vor. Schon die Überlieferung schwankt. Der aus Isfahan stammende Gelehrte al-Bundari, der das Epos ins Arabische übertrug, nennt ihn Mansur ibn al-Hasan. Andere Quellen führen weitere Namensformen an. Geboren wurde er um 940 in Bāž, einem Dorf im Bezirk Tus nahe dem heutigen Maschhad.
Firdausi stammte aus einer wohlhabenden Dehqan-Familie. Anfangs war er offenbar finanziell gut gestellt. Der Name seines Vaters ist nicht sicher bekannt. Die Angabe „Fachr ad-Din Ahmad“ stammt aus späten, wenig verlässlichen Quellen und gilt als unwahrscheinlich. Schon früh befasste er sich mit der Geschichte und den Mythen des alten Iran. Diese waren ihm durch seine familiäre Umgebung nahegebracht worden.
Um 977, nach anderen Angaben erst um 980, begann Firdausi mit der Arbeit an seinem Lebenswerk. Als Hauptvorlage diente ihm ein persisches Königsbuch in Prosa, das Abu Mansur, der Statthalter von Tus, hatte zusammenstellen lassen. Es beruhte unter anderem auf einem mittelpersischen Königsbuch. Dieses war vermutlich in der ausgehenden Spätantike am Hof der Sassaniden entstanden. Aus diesem Grund liefern die späteren Teile des Epos Hinweise auf reale historische Ereignisse. Firdausi arbeitete in seiner Heimatstadt; eine Abschrift der Vorlage hatte ihm ein Freund beschafft. Zunächst förderte ihn Mansur, ein Sohn Abu Mansurs, doch mit dessen Tod um 987 endete diese Hilfe. Durch die jahrzehntelange Arbeit an dem Werk verarmte Firdausi. Daraufhin wandte er sich an Mahmud von Ghazni, einen der mächtigsten Herrscher seiner Zeit. An dessen Hof wirkten zahlreiche Dichter. Für Geschichten aus der iranischen Vorzeit interessierte sich Mahmud aber womöglich weniger als die Samaniden.
Mit etwa 65 Jahren, um 1004, beschloss Firdausi, Mahmud sein Werk vorzulegen. Dazu reiste er später nach Ghazna. Doch der Herrscher schenkte ihm wenig Beachtung. Der Überlieferung nach soll Mahmud für jeden Doppelvers eine Goldmünze versprochen, dann aber nur Silber gegeben haben. Der gekränkte Dichter soll das Geld an einen Bademeister und einen Getränkeverkäufer verschenkt haben. Als Gründe für die Zurückweisung gelten Verleumdungen durch neidische Höflinge und religiöse Gegensätze: Firdausi war Schiit, Mahmud Sunnit. Firdausi räumte der zoroastrischen Denk- und Festkultur breiten Raum ein, während der Islam in seinem Werk kaum erwähnt wird. Im letzten Teil, der das Ende des Sassanidenreiches schildert, steht ein Brief des Feldherrn Rostam Farrochzād an seinen Bruder vor der Schlacht von Kadesia. Darin sagt er seinen eigenen Tod und das Unglück voraus, das Iran nach der arabischen Eroberung erwartete.
Danach soll er aus Ghazna geflohen sein, unter anderem nach Herat und nach Tabaristan. Berichte über eine Reise nach Bagdad gelten als Legende. Schließlich kehrte Firdausi in seine Heimatstadt zurück. Dort starb er um 1020, nach anderen Angaben um 1025. Ein Prediger der Stadt Ṭābarān soll ihm die Beisetzung auf dem muslimischen Friedhof verweigert haben, weil er ihn als Schiiten für einen Ketzer hielt. Deshalb wurde Firdausi in seinem eigenen Garten innerhalb der Stadt beerdigt. Die Grabstätte wurde bald zu einer Pilgerstätte.
Literarische Merkmale↑
Firdausi gehörte zu den frühen Vertretern der neupersischen Literatursprache. Diese hatte sich im 9. und 10. Jahrhundert vor allem unter den Samaniden entfaltet. Sein Werk fällt durch das fast völlige Fehlen arabischen Vokabulars auf. Dieser Umstand ist allerdings wohl seinen schriftlichen und mündlichen Quellen geschuldet. Inhaltlich schöpfte er aus der Geschichte und den Mythen des alten Iran. Der zoroastrischen Denk- und Festkultur gab er großen Raum, während er den Islam weitgehend ausließ.
Rezeption↑
Mit dem Schāhnāme hat Firdausi ein Werk geschaffen, das zum Nationalepos der persischsprachigen Welt wurde. Die erste Lebensbeschreibung verfasste im 12. Jahrhundert Niẓāmī ʿArūżī. Spätere Darstellungen, etwa die des Dawlatschah aus Samarkand, gelten als wenig verlässlich. Im 19. Jahrhundert übersetzte Jules Mohl das Epos ins Französische. Friedrich Rückert übertrug große Teile ins Deutsche; diese Übersetzung erschien 1890 bis 1895 aus seinem Nachlass.
Im frühen 20. Jahrhundert machten iranische Nationalisten Firdausi zum „Wiedererwecker“ iranischer Identität und das Epos zu deren Denkmal. Unter der Regentschaft von Reza Schah und mit der Gründung eines iranischen Nationalstaates erlangte er herausragende Bedeutung. 1934, zur Tausendjahrfeier seiner Geburt, wurde über seinem Grab ein neu erbautes Mausoleum eingeweiht. Unter Schah Mohammad Reza Pahlavi fand 1975 das erste Tus-Festival statt. Nach dem Dichter wurden zudem die Firdausi-Universität Maschhad, der Merkurkrater Firdousi und der Asteroid (492786) Ferdowsi benannt.
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