84 v. Chr. – 54 v. Chr.
Catull
Kurzbiografie↑
Aus Verona stammte der römische Dichter Gaius Valerius Catullus, deutsch Catull genannt. Er lebte im 1. Jahrhundert v. Chr. Er gehörte zum Kreis der Neoteriker und orientierte sich wie diese vor allem an dem hellenistischen Dichter Kallimachos. Auch die griechische Dichterin Sappho hatte großen Einfluss auf ihn. Überliefert sind seine carmina, eine Sammlung von Gedichten in verschiedenen Versmaßen. Sie schwanken zwischen zärtlichen Liebesversen, vertrauten Zeilen an Freunde und beißendem Spott. Bis in die Neuzeit wurden seine Verse immer wieder nachgeahmt. Im 20. Jahrhundert vertonte Carl Orff sie unter dem Titel Catulli Carmina.
Biografie↑
Über Catulls Leben ist nur wenig gesichert bekannt. Einiges lässt sich aus seinen Gedichten erschließen, anderes berichten antike Autoren. Doch zwischen beiden Quellenarten gibt es Widersprüche. Schon das Geburtsjahr ist unsicher. Hieronymus gibt in seinem Chronicon 87 v. Chr. an und verzeichnet Catulls Tod in dessen 30. Lebensjahr, wohl nach Angaben Suetons. Diese Angaben widersprechen jedoch Hinweisen in den Gedichten selbst, die sich auf spätere Ereignisse beziehen. So spielt carmen 11 auf Caesars Vorstoß nach Britannien im Jahr 55 an. Ein weiteres Gedicht erwähnt das zweite Konsulat des Pompeius im Jahr 55. Spätere Anspielungen fehlen. Deshalb gilt vielen die Mitte der 50er Jahre v. Chr. als Veröffentlichungsdatum der Gedichtsammlung und zugleich als frühestmöglicher Zeitpunkt für Catulls Tod.
Einen weiteren Anhaltspunkt liefert Ovid in seinen Amores. Dort betrauert er den Tod des Dichters Tibull im Jahr 19 oder 18 v. Chr. Er schreibt, Catull werde ihm, das jugendliche Haupt mit Efeu umrankt, im Elysium entgegengehen. Damit wäre das Jahr 18 v. Chr. der spätestmögliche Zeitpunkt für Catulls Tod. Im letzten der carmina droht er einem Gellius, den er schon zuvor verspottet hatte, dieser werde auch künftig büßen. Das lässt sich als Ankündigung weiterer Verse lesen. Tatsächlich erwähnen Martial, Juvenal und Tertullian einen Catullus, der Mimen schrieb. Ob dieser Theaterautor mit dem Dichter identisch ist, steht nicht fest. Der britische Altphilologe Timothy Peter Wiseman hält es aber für denkbar, dass Catull nach der Veröffentlichung seiner Gedichtsammlung weiterlebte und Theaterstücke verfasste.
Catulls Vater war ein eques, also ein wohlhabender, dem Ritterstand angehörender Bürger. In dessen Haus in Verona soll nach Sueton sogar Caesar während seiner Zeit als Prokonsul von Gallia cisalpina verkehrt haben. In den Jahren 57 und 56 v. Chr. gehörte Catull zum Stab des Statthalters Gaius Memmius und begleitete ihn in dessen Provinz Bithynien. Die meiste Zeit aber lebte er in Rom. Sein Auskommen scheint durch das väterliche Vermögen gesichert gewesen zu sein. Denn er hatte offenbar keinen Patron und konnte es sich leisten, auch hochgestellte Personen mit beißendem Spott anzugreifen – etwa Gaius Iulius Caesar selbst. Zu seinem Umfeld gehörten neben Calvus auch Gaius Asinius Pollio und der Historiker Cornelius Nepos. Nepos widmete er ein Büchlein seiner Gedichte.
Literarische Merkmale↑
Erhalten sind von Catull 116 carmina, die sich nach Versmaß in drei Gruppen ordnen lassen. Die carmina 1 bis 60 sind kleinere Gedichte in verschiedenen Versmaßen, sogenannte polymetra oder nugae (Bagatellgedichte). Am häufigsten ist das Versmaß des phaläkischen Hendekasyllabus. Die carmina 61 bis 68 sind längere Stücke. Das mit 408 Versen längste, carmen 64 über die Hochzeit des Peleus und der Thetis, ist ein Epyllion, ein Kleinepos. Anders als die großen Epen wie Homers Ilias und Odyssee stellt es eher unbekannte mythologische Ereignisse und die privat-erotischen Belange mythischer Helden in den Vordergrund. Hierher gehört auch carmen 68. Es gilt als Anfang der römischen Liebeselegie. Die carmina 69 bis 116 schließlich sind Epigramme im elegischen Distichon.
Inhaltlich lassen sich viele der Gedichte vier Themenkreisen zuordnen. Da sind zum einen Verse an und über Freunde, etwa Einladungen. Zum anderen die Invektiven oder Schmähgedichte, in denen Catull Bekannte und prominente Persönlichkeiten oft derb verhöhnt. Dabei bleibt unklar, wie ernst diese Beleidigungen gemeint waren und genommen wurden. Den dritten Kreis bilden die erotischen Gedichte, gerichtet an den Knaben Iuventius und vor allem an eine Frau mit dem Decknamen „Lesbia“. Besonders berühmt sind die Kussgedichte, die carmina 5 und 7. In carmen 7 antwortet er auf die Frage, mit wie vielen Küssen er sich denn zufriedengäbe, mit Bildern der Unendlichkeit. Den vierten Kreis bilden ernste Trauergedichte, am bekanntesten carmen 101 auf den Tod seines Bruders.
Rezeption↑
Über die Antike hinaus haben Catulls Verse immer wieder Dichter zur Nachahmung gereizt. Die berühmten Kussgedichte etwa wurden von antiken und neuzeitlichen Autoren aufgegriffen, so von Martial und von Lessing. Auch der Mimendichter Catullus, den Martial, Juvenal und Tertullian erwähnen, hält die Überlieferung mit seinem Namen verbunden. Bis in die jüngere Zeit reicht seine Wirkung. Carl Orff vertonte die carmina unter dem Titel Catulli Carmina.
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