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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Porträt Fariduddin Attar
Fariduddin Attar
1145 – 1221
– Autorenporträt –

Fariduddin Attar

1145 – 1221

Persischer Dichter und Mystiker des Mittelalters, der den Weg zu Gott als Reise der Vögel zu ihrem König erzählte – bekannt geworden durch „Die Vogelgespräche“.

Kurzbiografie↑

Fariduddin Attar zählt zu den großen Dichtern des klassischen Persien. Er lebte im 12. und frühen 13. Jahrhundert und verband Dichtung mit islamischer Mystik, dem Sufismus. Sein bekanntestes Werk ist das Epos Mantiq ut-tair, auf Deutsch Die Vogelgespräche, in dem die Vögel der Welt zu ihrem König aufbrechen und am Ende sich selbst erkennen. Attar hatte großen und dauerhaften Einfluss auf den Sufismus. Den mystischen Weg vermittelt er vor allem in Geschichten. Sein Beiname bedeutet „der Drogist“ und verweist auf seinen bürgerlichen Beruf.


Biografie↑

Geboren wurde Attar in der persischen Stadt Nischapur. Das Geburtsjahr ist nicht sicher überliefert; meist wird um 1145 oder 1146 genannt. Ebenso unklar bleibt das Todesjahr. Meist wird 1221 angegeben, das Jahr, in dem die Mongolen Nischapur verwüsteten. Nach anderen Angaben starb er irgendwann zwischen 1190 und 1229. In derselben Stadt, in der er geboren wurde, ist er auch gestorben.

Attar betrieb in Nischapur eine Drogerie, die er von seinem Vater übernommen hatte. Ob er sie später aufgab, um als Sufi zu reisen, oder sein Leben lang weiterführte, wird unterschiedlich dargestellt. Daraus erklärt sich sein Beiname: Das arabische Wort ʿAṭṭār bedeutet „der Drogist“. Eine verwandte Deutung besagt, dass er als Arzt tätig war. Der Handel mit Kräutern, Essenzen und Heilmitteln und die Heilkunde lagen in jener Zeit nahe beieinander.

Sein Werk ist umfangreich. Die Überlieferung schreibt ihm mehr als hundert Schriften zu, doch nur ein kleiner Teil gilt als sicher echt. Das mit Abstand bekannteste ist Mantiq ut-tair, im Deutschen Die Vogelgespräche und auch Versammlung der Vögel genannt. Das Epos erzählt von den Vögeln der Welt, die durch sieben Täler zu ihrem König, dem Simurgh, ziehen. Der Weg ist gefährlich und beschwerlich, nur dreißig Vögel erreichen den Sitz des Simurgh. Dort erkennen sie im König sich selbst. Attar spielt dabei mit dem Namen: Simurgh ist eine Sagengestalt, getrennt geschrieben aber bedeutet si murgh „dreißig Vögel“. Zu diesem Werk gehört auch die bekannte Liebesgeschichte vom Mekkaner Scheich Sanʿan und dem Christenmädchen.

Ein zweites Hauptwerk ist Tadhkirat al-auliya, eine Sammlung von Heiligenlegenden. Am bekanntesten daraus ist wohl der Bericht über die Hinrichtung des Mystikers al-Halladsch. Dieser hatte in Ekstase gesagt: „Ich bin die Wahrheit.“ Weitere bekannte Bücher sind Ilahiname und Musibatname, auf Deutsch Das Buch der Leiden. Im Ilahiname versucht ein König, seine sechs Söhne von weltlichen Begierden abzubringen. Das Musibatname schildert den Weg der Seele in der Abgeschiedenheit geistiger Versenkung.

Eine Begegnung ist besonders folgenreich geworden. Nach der Überlieferung traf der junge Dschalal ad-Din Rumi Attar, als seine Familie aus Balch auswanderte. Attar soll ihm dabei eines seiner Bücher geschenkt haben. Später nannte Rumi Attar den Geist und den Dichter Sanāʾī dessen beide Augen; er selbst sei ihnen nur nachgefolgt. Rumi wird auch der Vers zugeschrieben: „Attar durchwanderte die sieben Städte der Liebe, wir sind noch an der Biegung der ersten Gasse.“ Diese Zuschreibung ist allerdings unsicher.

Auch Attars Tod ist überliefert, allerdings in einer Form, die selbst wie eine Lehrgeschichte des Sufismus klingt; deshalb wird vermutet, dass es sich um eine Legende handelt. Während des Mongolensturms im 13. Jahrhundert soll er gefangen genommen worden sein. Ein Mann bot Silber für ihn, doch Attar riet seinem mongolischen Bewacher ab: Der Preis stimme nicht. Der Mongole folgte dem Rat und verkaufte ihn nicht. Später bot ein anderer einen Sack Stroh, und Attar erklärte, das sei genau sein Preis, mehr sei er nicht wert. Da geriet der Mongole in Wut und schlug ihm den Kopf ab.


Literarische Merkmale↑

Attar belehrt vor allem, indem er erzählt. Er beschreibt den mystischen Weg, den Pfad oder die Tariqa, mit den Mitteln eines Geschichtenerzählers. Seine großen Werke sind Verserzählungen. In ihnen hält eine Rahmenhandlung viele einzelne Geschichten zusammen: die Reise der Vögel in Mantiq ut-tair, der König mit seinen sechs Söhnen in Ilahiname. Gern arbeitet er mit dem Doppelsinn von Wörtern. Am bekanntesten ist das beim Namen des Vogelkönigs Simurgh, der zugleich „dreißig Vögel“ bedeutet. So trägt der Name die Pointe der ganzen Reise in sich. Neben der Dichtung steht die Sammlung von Lebensbeschreibungen: In Tadhkirat al-auliya trägt er die Legenden früherer Heiliger zusammen. Kennzeichnend ist außerdem, dass er das Leid nicht ausspart. Er macht es zum Gegenstand seiner Auseinandersetzung mit Gott.


Rezeption↑

Über Jahrhunderte hinweg hat Attars Dichtung auf die persische Dichtung und den Sufismus gewirkt. Seine Legendensammlung Tadhkirat al-auliya gilt als wertvolle Quelle zur Heiligenverehrung im Sufismus. Am deutlichsten zeigt sich seine Wirkung bei Dschalal ad-Din Rumi, für den er neben Sanāʾī das wichtigste Vorbild war.

Jorge Luis Borges verwies in seinen Schriften mehrfach auf das Werk. Besonders deutlich tat er es in der Erzählung El acercamiento a Almotásim (1936), die sich als Besprechung eines erfundenen Buches ausgibt.

Im deutschsprachigen Raum hat der Schriftsteller und Islamwissenschaftler Navid Kermani 2005 mit seinem Buch Der Schrecken Gottes auf Attars radikales Gottesbild aufmerksam gemacht. Dessen Auflehnung gegen das Leid verglich er mit dem biblischen Hiob. 2022 erschien in der Berliner Edition Orient eine illustrierte, zweisprachige Prosafassung der Vogelreise auf Persisch und Deutsch.

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